Ministerin Karin Prien zum Smartphoneverbot: Kinderärzte müssen schon junge Eltern aufklären

diagnose:funk: Folgen der Strahlenbelastung berücksichtigen
Der Erkenntnisprozess bei Bundesbildungsministerin Karin Prien über die Schädlichkeit von Smartphones für Kinder und Jugendliche vertieft sich. Jetzt fordert sie, dass die Aufklärung bei jungen Eltern beginnen muss.
Bild:Table Today

" ... weder im Kinderwagen noch im Kinderzimmer."

Bundesbildungsministerin Karin Prien fordert im Podcast Table.Today (3.4.2026), dass Kinderärzte junge Eltern direkt nach der Geburt über die Risiken der Nutzung von Smartphones aufklären:

  • «Ich würde schon in der Kinderarztpraxis unmittelbar nach der Geburt beginnen». «Ich glaube, da muss sehr viel deutlicher darauf hingewiesen werden, dass zum Beispiel bis zum Alter von drei Jahren etwa Handys oder iPads gar nichts zu suchen haben, weder im Kinderwagen noch im Kinderzimmer.»

Bildungsministerin Karin Prien ist zuzustimmen, denn die Schädigung durch Smartphones und Tablets beginnt ab dem ersten Lebenstag, wenn sich das Smartphone zwischen Eltern und ihr Neugeborenes drängt. Vielfältige psychosoziale Schädigungen sind nachgewiesen, mangelnder Blickkontakt führt zu Bindungsstörungen (Technoferenz), mangelnde Kommunikation zu verzögerter Sprachentwicklung, Bewegungsmangel zu Adipositas, Bildschirmstarren zu früher Kurzsichtigkeit, die Reizüberflutung zur Sucht. Prof. Manfred Spitzer 2022 hat diese Folgen prognostiziert, zuletzt 2022 in dem Artikel „Digitalisierung in Kindergarten und Grundschule schadet der Entwicklung, Gesundheit und Bildung von Kindern“. Die Aufklärung über Risiken müsse weitergehen, so Prien, in Kita, Schule und Kinder- und Jugendhilfe:

  • «Aber das wird ein gesamtgesellschaftliches Projekt werden und auch eine gesamtgesellschaftliche Strategie erfordern.» 

Eine gesamtgesellschaftliche Strategie soll eine von Ministerin Prien eingesetzte Expertenkommission noch im Sommer 2026 vorlegen (>> Interview mit Prof. Ralf Lankau zur Einschätzung der Expertenkommission). diagnose:funk hat in einem Brief an Ministerin Prien die Zusammensetzung der Expertenkommission kritisiert.

Die Eltern sind das Vorbild!

Kinder lernen durch Zuschauen und Zuhören, sagt Prien im Podcast: «Deshalb wird es auch Disziplin der Eltern erfordern. Ich glaube, wir brauchen da so eine Art Kodex, den auch Eltern für sich annehmen müssen … Also in Frankreich zum Beispiel, da ist das durchaus verpönt, am Esstisch digitale Endgeräte liegen zu haben oder gar zu benutzen», sagte Prien. «Ich glaube schon, dass man da auch in Deutschland noch mal wieder zu einer anderen Haltung kommen kann gesellschaftlich.»

Bild: Bildschirmfrei bis 3!

Leitlinie Bildschirmmedien liegt vor: Kampagne bildschirmfrei bis 3!

Konzepte, wie die Erkenntnisse von Ministerin Prien umgesetzt werden können, liegen ausgearbeitet vor. Sie muss das Rad nicht neu erfinden. An der Kampagne https://bildschirmfrei-bis-3.de/ der Universität Witten / Herdecke beteiligten sich hunderte Kinderärzte. Aufklärungsmaterial und Flyer stehen auf der Internetseite. Die Kampagne fußt auf der „Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend“ (2023) von 11 deutschen Fachverbänden. Sie analysiert das gesamte Schädigungspotential und entwickelte Alternativen, die auf der Homepage https://bildschirmfrei-bis-3.de/ mit Infos und Videos (s.u.) für Ärzte und Eltern präsentiert werden.

Bild: Pexels amina filkins

Die Schädigungen durch die Strahlenbelastung werden unterschätzt!

Doch die Schädigung beginnt schon vor der Geburt. Die Leitlinie warnt in einem Kapitel auch vor den Folgen der Strahlenbelastung. Die Nutzung von Smartphones, Tablets und WLAN schädigt die Fertilität – bei Männern wie bei Frauen. Dazu gibt es eine umfangreiche, seriöse Studienlage, die immer noch nicht kommuniziert wird. Die von Mobiltelefonen abgegebene elektromagnetische Strahlung (EMF) wird mit vielen biologischen Auswirkungen in Verbindung gebracht. Zahlreiche Tier‑ und Zellstudien weisen nach, dass pränatale (vorgeburtliche) Exposition zu Entwicklungsstörungen, oxidativem Zellstress, strukturellen Gewebeveränderungen mit postnatalen Auswirkungen wie Verhaltensauffälligkeiten und Wachstumsverzögerungen führt. In unserer aktuellen Analyse „Funkstrahlung (WLAN, Mobilfunk etc.) gefährdet gesunde Entwicklung von Embryos und Babys! Die Studienlage zur Embryotoxizität“ weisen wir anhand der Studienlage nach, warum der Strahlenschutz notwendig ist und auch darüber junge Eltern und insbesondere Schwangere in Kinderarzt und – Hebammenpraxen aufgeklärt werden müssen.

Bilder: privat

75 Experten fordern eine pädagogische Wende: Alternative Bildungskonzepte liegen vor. Die Initiatoren des Appells zum Stopp der Digitalisierung: Dr. Uwe Büsching, Dr. Mario Gerwig, Peter Hensinger MA, Prof. Ralf Lankau, Prof. Manfred Spitzer, Prof. Klaus Zierer

Späte Lehren aus frühen Warnungen!

All diese Erkenntnisse über das Schädigungspotential und die Alternativen liegen seit 20 Jahren vor, dutzende Bücher und Fachartikel wurden von den Wissenschaftlern des Netzwerkes Bündnis für humane Bildung publiziert. "Zehn Jahre Digitale Demenz. Vom Shitstorm zum Mainstream" (2022), in diesem Artikel blickt Prof. Manfred Spitzer auf die Ignoranz der Politik zu seinem Buch "Digitale Demenz" zurück und muss feststellen, dass seine Prognosen schneller als er dachte eingetreten sind. Vor 10 Jahren formulierten 37 Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler unter dem Titel "Trojaner aus Berlin: Digitalpakt#D" ihre Kritik an dem von der damaligen Ministerin Wanka initiierten „Digitalpakt#D“, mit dem die Digitalisierung von Bildungseinrichtungen beschlossen wurde. Im März 2025 reichte das Bündnis für humane Bildung im Appell der 75 Experten bei Ministerin Prien ein Gesamtkonzept für eine Erziehung zur Medienmündigkeit ein, auch mit Vorschlägen für ein begleitetes Smartphone-Verbot.

Titelbilder: Verlage

Seit Jahrzehnten prognostizieren Wissenschaftler die gesundheitsschädlichen Folgen digitaler Medien. Von der Politik wurden sie, geblendet von digitalen Hype, ignoriert.

 

Kritik an CSU und LINKEN

Die politische Situation ist widersprüchlich. Ministerin Priens klare Statements für Jugendschutz werden konterkariert durch die Festlegungen einer "Digital-Only-Gesellschaft" und einer beschleunigten Digitalisierung der Erziehungseinrichtungen im Koalitionsvertrag der Bundesregierung. Zum Dehumanisierungskonzept im Koalitionsvertrag führten wir ein Interview mit Prof. Ralf Lankau.

CSU und Linke lehnen ein Smartphone - und Social Media - Verbot ab. Sie setz(t)en auf die TikTokisierung des Wahlkampfes bei Jugendlichen und haben dadurch keine kritische Distanz zur Rolle von Social Media. Mit dem Argument, die IT-Konzerne müssten reguliert werden - was sicher notwendig ist - verzögern sie sofortige staatliche Jugendschutzregelungen. Dies kritisiert der Berliner Lehrer Ryan Plocher (GEW) im Magazin „Jacobin“ im lesenswerten Praxisbericht An einem Social-Media-Verbot für Kinder führt kein Weg vorbei“ (31.03.2026):

  • „Tiktok, Instagram und Co. machen Kinder und Jugendliche krank und abhängig. Das Problem wird sich nicht durch mehr »Medienkompetenz« lösen lassen. Ein Social-Media-Verbot wäre längst überfälliger Jugendschutz … 
  • Die Bundestagsvorsitzende der Linken Heidi Reichinnek und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, beide sehr erfolgreich auf Tiktok, sprechen sich gegen ein Verbot aus. Stattdessen fordern sie mehr »Medienkompetenz«. Als Lehrer kann ich das Wort »Medienkompetenz« nicht mehr hören. Die deutsche Schule ist nach Jahrzehnten der Sparpolitik so tiefgehend kaputt, dass wir nicht in der Lage sind, angemessene Medienkompetenz für Social Media, digitale Medien im Allgemeinen oder KI zu trainieren. Die Eltern sind nachweislich selber nicht in der Lage, den Konsum ihrer Kinder (oder sich selbst) zu steuern, und die Jugendämter und die freie Jugendarbeit der Kommunen sind ebenfalls zu heruntergewirtschaftet, um sich um digitale Süchte zu kümmern. Wenn man die (heranwachsenden) Bürgerinnen und Bürger nicht zu kompetenten Entscheidungen befähigen kann, dann bleibt eben nur Law and Order …
  • Das Verbot Sozialer Medien müsste darum Teil des Jugendschutzes sein, gut zu vergleichen mit Pornografie oder Gewaltspielen. Die allermeisten Menschen und Eltern halten sich daran und erlauben ihren Kindern keinen Zugang zu diesen Dingen. Es mag zwar – in den Worten Reichinneks – »sehr pfiffige« Jugendliche geben, die sich über ein solches Verbot hinwegsetzen würden. Aber zumindest Erziehungsberechtigte könnten Soziale Medien nach einem gesetzlichen Verbot nicht mehr verharmlosen. Der Staat würde damit notwendige Präventionsarbeit leisten.“

Dem können wir uns nur anschließen.

 

Lesen Sie zu dieser Debatte die vertiefenden Fachartikel, verfasst von diagnose:funk Vorständen und Mitgliedern

Teuchert-Noodt / Peter Hensinger (2025): No way out of the smartphone epidemic without taking into account the findings of brain research, J Neurol Neurosci©, 16 (01) 2025 : 001-011 

Übersetzung: Ohne Berücksichtigung der Erkenntnisse der Gehirnforschung gelingt kein Ausweg
aus der Smartphone-Epidemie

Gertraud Teuchert-Noodt (2016): Ein Bauherr beginnt auch nicht mit dem Dach.
Die digitale Revolution verbaut unseren Kindern die Zukunft

Peter Hensinger (2023): Paradigmenwechsel ante portas: „Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend“ erschienen – Eine Einordnung

Keren Grafen (2025): Auswirkungen der Mobilfunkstrahlung (HF-EMF) auf die kindliche Gehirnentwicklung

Keren Grafen (2025): Auswirkungen einer digitalisierten Kindheit auf die kognitive und emotionale Reifung des Gehirns

Peter Hensinger (2025): Wirkungen elektromagnetischer Felder des Mobilfunks auf den Gehirnstoffwechsel

Peter Hensinger / Vortrag (2026): Gesund aufwachsen im Umgang mit digitalen Medien, aber wie? Wie die Nutzung von Smartphones und Tablets das Gehirn schädigt

Peter Hensinger / Power Point (2026): Gesund aufwachsen im Umgang mit digitalen Medien, aber wie? Wie die Nutzung von Smartphones und Tablets das Gehirn schädigt

 

Publikation zum Thema

Bild:diagnose:funk
1. Auflage 2025Format: A5Seitenanzahl: 32, Preis 2,50 Euro (Mitglieder 1,50 Euro) Veröffentlicht am: 30.09.2025 Bestellnr.: 105Sprache: deutschHerausgeber: diagnose:funk

Ratgeber 5: Kinder und Jugendliche in digitalen Zeiten - stark und selbstbestimmt

So fördern Sie die gesunde Entwicklung Ihres Kindes
Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Inzwischen zweifelt niemand mehr: Smartphones und soziale Medien können Kindern und Jugendlichen massiv schaden. Was können Eltern und Schulen tun? Eine pädagogische Herausforderung. Sie ist lösbar. Kurz, konkret und verständlich hilft dabei unser neuer Ratgeber. Der Ratgeber zeigt auf, warum Kinder in erster Linie vielfältige analoge Erfahrungen brauchen – Bewegung, Natur, kreative Aktivitäten und echte soziale Begegnungen. Digitale Medien können diese wertvollen Erlebnisse nicht ersetzen, sondern nehmen nur Zeit, die Kindern für ihre natürliche Entwicklung fehlt. Besonders in den ersten Lebensjahren sollten Bildschirme konsequent gemieden werden, da das Gehirn in dieser Phase am empfindlichsten ist. Zugleich macht die Broschüre Mut und bietet konkrete Hilfestellungen: Sie erklärt, ab welchem Alter Kinder langsam und begleitet an digitale Medien herangeführt werden können, wie Eltern klare Regeln setzen und den Medienkonsum sinnvoll begrenzen. Praktische Tipps für Alltagssituationen – vom Familienessen über den Kindergarten bis zum Grundschulalter – geben Orientierung, wie Medienerziehung verantwortungsvoll gelingt.
Bild:diagnose:funk
aktuelle Version: 02.10.2025Format: A4Seitenanzahl: 24 Veröffentlicht am: 02.10.2025 Bestellnr.: 609Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Überblick Nr. 9: Digitale Bildung - Ausweg aus der Bildungskatastrophe?


Autor:
Peter Hensinger M.A.
Inhalt:
Wie kam es zur „Digitalen Bildung“ und im Schlepptau zur WLANisierung der Schulen? Diese Reform hat eine über 50-jährige Geschichte. Sie kumulierte im Jahr 2017 im Beschluss der Bundesregierung zum Digitalpakt Schule. Mit der „Digitalen Bildung“ sollen die Ziele der neoliberalen Vorstellungen des Homo Oekonomicus, des konditionier- und verwertbaren Menschen, erstmals verwirklicht werden. Das Datensammeln durch die digitalen Medien ist dazu die Voraussetzung. Dieser Hintergrund spielt in der Diskussion fast keine Rolle, obwohl Soziologen und Pädagogen wir Prof. Jochen Krautz und Prof. Richard Münch ihn schon frühzeitig analysierten. Selbst Lehrerverbände verfielen dem inszenierten Hype der digitalen Medien, beschäftigten sich nicht mit dem pädagogischen und ökonomischen Hintergrund. Man kann die Bildungskatastrophe und die Digitale Bildung nur verstehen, wenn man ihre Historie, die pädagogischen Theorien und die ökonomischen Interessen, die sie hervorbrachten, kennt. Von Pädagogen, die diese Hintergründe kennen, gibt es heute eine heftige Kritik und die Forderung nach einer pädagogischen Wende. Dieser Überblick stellt die Geschichte und aktuelle Debatte dar.
diagnose:funk
Stand: 08.10.2024Format: DIN A4Seitenanzahl: 37 Veröffentlicht am: 29.08.2024 Sprache: deutschHerausgeber: diagnose:funk

Überblick Nr. 7: Kinder und digitale Medien – Eine pädagogische Herausforderung!


Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Überblick Nr. 7 dokumentiert, warum eine zu frühe und unregulierte Nutzung des Smartphones und anderer digitaler Medien zu negativen Auswirkungen führen kann. Schwerpunktmäßig werden Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie und Neurobiologie behandelt. Es werden Lösungsmöglichkeiten für Eltern, Erziehende und die Politik aufgezeigt, um Kinder und Jugendliche vor einer Smartphonesucht zu bewahren.
Artikel veröffentlicht:
05.04.2026
Autor:
diagnose:funk

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