Mobilfunk, oxidativer Stress und die verdrängte Vorsorge

Interview mit Dr. Ulrich Warnke über den Stand der Forschung
Dr. Ulrich Warnke ist Biologe und Biophysiker und arbeitete bis zu seinem Ruhestand als Wissenschaftler an der Universität Saarbrücken. Einen Namen machte er sich als Bienenforscher, insbesondere durch den Nachweis der Elektrosensibilität von Bienen. Bereits vor über 20 Jahren veröffentlichte er Arbeiten zu den Risiken der Mobilfunkstrahlung. Dabei zeigte er, dass elektromagnetische Felder das Redoxgleichgewicht im Körper stören, indem sie eine Überproduktion freier Radikale auslösen – oxidativer Zellstress, der heute als Grundlage vieler entzündlicher und chronischer Erkrankungen gilt.
Dr. Ulrich Warnke, Bild: privat

DIAGNOSE:FUNK: Herr Dr. Warnke, erneut ist eine heftige Diskussion darüber entbrannt, ob Mobilfunkstrahlung gesundheitsschädlich ist. Elf Reviews für die WHO sollen belegen, dass keine Risiken bestehen. Das Bundesamt für Strahlenschutz, aber auch die Schweizer Beratungsgruppe BERENIS erklären zudem, es gebe immer noch keine hochqualitativen Studien, die unterhalb der Grenzwerte Schäden nachweisen. Weitere Forschung sei nötig. Wie bewerten Sie diese Aussagen?

 

ULRICH WARNKE: Diese Argumentation halte ich für unakzeptabel. Ich höre sie seit Jahrzehnten. Wenn behauptet wird, es gebe keine hochqualitativen Studien, muss man fragen: Warum haben staatliche Stellen diese Studien dann nicht längst selbst initiiert? Ich frage mich, was diejenigen fachlich hervorhebt, die heute so abwertend über ihre wissenschaftlich tätigen Kollegen/innen urteilen, dass sie es wagen, existierende begutachtete Studien derart herabzuwürdigen.

Tatsächlich existieren seit den 1990er-Jahren tausende begutachtete Arbeiten. Der Bioingenieur Henry Lai von der University of Washington dokumentiert, dass seit 1990 über 2.500 Studien biologische Effekte elektromagnetischer Felder zeigen – viele davon zu DNA-Schäden und oxidativem Stress.[1] Und auch diagnose:funk dokumentiert auf seiner Datenbank EMF:Data kontinuierlich Studien, die Effekte zeigen.

Hinzu kommen große staatliche Langzeitstudien wie die im US-amerikanische National Toxicology Program (NTP).[2] Diese im Auftrag der FDA durchgeführten Tierversuche zeigten „eindeutige Beweise“ für bösartige Herztumoren und „Hinweise“ auf Hirntumoren durch Mobilfunkstrahlung. Solche Ergebnisse einfach als irrelevant abzutun, widerspricht jeder etablierten Form der Risikobewertung.

  • Das Muster ist historisch bekannt: Bei Asbest, Blei, Tabak oder DDT lagen die Warnsignale Jahrzehnte vor der politischen Anerkennung. Je größer die wirtschaftlichen Interessen, desto länger wurde gezögert. Beim Mobilfunk erleben wir dasselbe – allerdings bei einer nahezu flächendeckenden Dauerexposition der Bevölkerung, von der jeder betroffen ist.
     
Titelbild: Kompetenzinitaitve

DIAGNOSE:FUNK: Welche gesundheitlichen Auswirkungen durch elektromagnetische Felder hat die Forschung Ihrer Meinung nach bisher nachgewiesen?

ULRICH WARNKE: Die Befundlage ist breit. In Zell- und Tierstudien wurden wiederholt DNA-Strangbrüche beschrieben, etwa in Arbeiten von Lai & Singh bereits Mitte der 1990er-Jahre. Reproduktionsstudien zeigen verminderte Spermienqualität und Fruchtbarkeitsstörungen, mit hochwertigen Reviews wie der aus Südkorea von Kim et al. (2022), dem Bericht der STOA (2021) und der Schweizer Soldatenstudie.[3] Epidemiologische Untersuchungen berichten über erhöhte Risiken für bestimmte Tumorarten und neurologische Symptome bei intensiver Exposition.[4]

Ein zentrales verbindendes Element ist oxidativer Stress. Studien aus unterschiedlichen Ländern zeigen, dass elektromagnetische Felder die Bildung reaktiver Sauerstoff- und Stickstoffverbindungen erhöhen. Besonders konsistent sind diese Befunde in Geweben mit hohem Energieumsatz – Nervensystem, Keimdrüsen und Immunsystem.

  • Dass nicht jeder Mensch gleich reagiert, ist biologisch erwartbar. Alter, Vorerkrankungen, genetische Prädispositionen und zusätzliche Umweltbelastungen spielen eine große Rolle. Genau diese Variabilität wird jedoch häufig als Argument gegen die Relevanz der Befunde missbraucht.

DIAGNOSE:FUNK: Seit Jahrzehnten weisen Sie in Ihren Arbeiten auf oxidativen Zellstress hin.[5] Was ist darunter zu verstehen, was bewirkt er – und warum gilt dieser Mechanismus als bewiesen?

ULRICH WARNKE: Oxidativer Zellstress beschreibt ein Ungleichgewicht zwischen freien Radikalen und den antioxidativen Schutzsystemen des Körpers. Elektromagnetische Felder fördern nachweislich die Bildung reaktiver Sauerstoff- und Stickstoffspezies. Eine Schlüsselrolle spielt dabei Stickstoffmonoxid (NO). Studien von Miura et al. (1993) zeigten bereits in den 1990er-Jahren, dass schwache Hochfrequenzfelder die NO-Produktion im Gehirn erhöhen. Weitere Arbeiten, etwa von Paredi et al. (2001), bestätigten eine gesteigerte NO-Freisetzung beim Menschen während der Nutzung von Mobiltelefonen. In der Folge entsteht vermehrt Peroxinitrit, eine hochtoxische Verbindung, die DNA, Enzyme und Mitochondrien schädigt. Dieser nicht-thermische Mechanismus erklärt, warum Effekte weit unterhalb der geltenden Grenzwerte auftreten können.

Die Evidenz wurde in großen Übersichtsarbeiten bestätigt, insbesondere im Review von Prof. Meike Mevissen (Universität Bern, 2021). In ihrer Auswertung von Tier- und Zellstudien zeigte sich wiederkehrend eine Verschiebung des oxidativen Gleichgewichts durch Hochfrequenzstrahlung – auch bei niedrigen Dosen.[6]

  • Aus Sicht des Vorsorgeprinzips ist dieser Mechanismus besonders relevant, weil oxidativer Stress keine harmlose Momentreaktion ist. Er gilt als gemeinsamer Ausgangspunkt vieler chronischer Erkrankungen – von neurodegenerativen Leiden über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu Krebs. Deshalb ist die Diskussion über Mobilfunkstrahlung keine Randfrage, sondern eine grundlegende Frage moderner Umweltmedizin.

 

Grafik: Studie Hu et. al. (2021)

Schädigende Wirkmechanismen der nicht-ionisierenden Strahlung, im Zentrum der Oxidative Zellstress (ROS), eine Ursache entzündlicher Erkrankungen.

DIAGNOSE:FUNK: Viele dieser Studien werden vom BfS abgewertet und aus der Risikobewertung mit der Begründung ausgeschlossen, sie seien nicht reproduzierbar und deshalb nicht relevant. Wie sehen Sie das?

ULRICH WARNKE: Das ist ein grundlegendes Missverständnis biologischer Forschung. Lebende Systeme reagieren nicht mechanisch. Unterschiedliche Feldstärken, Frequenzen, Modulationen und biologische Ausgangszustände führen zwangsläufig zu variierenden Ergebnissen. Gerade bei elektromagnetischen Feldern spielen komplexe physikalische Wechselwirkungen eine Rolle. Wenn Studien unter unterschiedlichen Bedingungen dennoch ähnliche biologische Effekte zeigen – etwa oxidativen Stress –, ist das ein starkes Evidenzsignal. Reviews wie der von Schürmann & Mevissen (2021) kommen genau zu diesem Schluss.

DIAGNOSE:FUNK: Wann gilt ein Risiko aus Ihrer Sicht als bewiesen?

ULRICH WARNKE: Ein Risiko gilt als belegt, wenn unabhängige Studien konsistent in dieselbe Richtung weisen und ein plausibler Wirkmechanismus bekannt ist. Beides trifft hier zu. Absolute Gewissheit gibt es in der Biologie nicht – das Vorsorgeprinzip verlangt Handeln bereits bei ernstzunehmenden Hinweisen.

 

Deckblatt der Original-Studie von Schuermann/MevissenQuelle: mdpi.com/1422-0067/22/7/3772

DIAGNOSE:FUNK: Gibt es beim Wirkmechanismus des oxidativen Zellstresses Studien, die konsistent in dieselbe Richtung gehen?

ULRICH WARNKE: Ja – und zwar in bemerkenswerter Klarheit. Gerade beim oxidativen Zellstress haben wir eine der konsistentesten Befundlagen in der gesamten Mobilfunkforschung. Studien aus unterschiedlichen Ländern, mit verschiedenen Modellen und Methoden, kommen seit Jahrzehnten zu sehr ähnlichen Ergebnissen.

Besonders wichtig sind hier systematische Übersichtsarbeiten. Ein Meilenstein ist der große Review von Meike Mevissen und David Schürmann aus dem Jahr 2021, der im International Journal of Molecular Sciences veröffentlicht wurde. Darin wurden mehrere hundert Tier- und Zellstudien ausgewertet. Das Ergebnis ist eindeutig: Künstlich erzeugte elektromagnetische Felder führen wiederkehrend zu einer Überproduktion reaktiver Sauerstoff- und Stickstoffspezies und damit zu oxidativem Stress – häufig bereits bei Expositionen unterhalb der geltenden Grenzwerte .

  • Was diesen Review besonders überzeugend macht, ist die Bandbreite der untersuchten Endpunkte. Es geht nicht um einen einzelnen Biomarker, sondern um ein ganzes Muster: erhöhte Lipidperoxidation, Veränderungen antioxidativer Enzymsysteme wie Superoxiddismutase oder Katalase, DNA-Schäden sowie mitochondriale Funktionsstörungen. Genau diese Kombination ist typisch für chronischen oxidativen Stress.

DIAGNOSE:FUNK: Warum waren Sie sich schon vor 30 Jahren sicher, dass ein Schädigungsmechanismus der nicht-ionisierenden Strahlung oxidativer Stress ist?

ULRICH WARNKE: Frühere Arbeiten von Henry Lai und Narendra Singh zeigten bereits in den 1990er-Jahren DNA-Strangbrüche im Gehirn von Ratten nach Hochfrequenzexposition – ein Befund, der sich biochemisch nur über oxidative Prozesse erklären lässt. Hinzu kommen humanexperimentelle Studien. Arbeiten von Ilhan (2004), Paredi (2001), Miura (1993), und viele andere zeigten,[7]dass selbst kurzzeitige Mobilfunkexposition beim Menschen die Stickstoffmonoxid-Produktion beeinflusst. Stickstoffmonoxid ist ein zentraler Schalter im oxidativen und nitrosativen Stressgeschehen. Seine Überproduktion führt zur Bildung von Peroxinitrit, einer hochreaktiven Substanz, die Zellen nachhaltig schädigt. Spätere Studien aus Europa und Asien bestätigten diese Mechanismen in unterschiedlichen Geweben.

DIAGNOSE:FUNK: Das war damals v.a. die Auswirkung der Strahlung von GSM, gilt das auch für die nachfolgend eingeführten Frequenzen?

ULRICH WARNKE: Bemerkenswert ist, dass diese Befunde technologieübergreifend auftreten. Sie wurden bei älteren Mobilfunkstandards ebenso beobachtet wie bei WLAN und neueren digitalen Signalformen. Das spricht klar gegen die These, es handle sich um zufällige oder artefaktbedingte Effekte. Wenn man all diese Arbeiten zusammen betrachtet, ergibt sich ein konsistentes Gesamtbild: Unterschiedliche Studien, unterschiedliche Modelle, unterschiedliche Endpunkte – aber derselbe Wirkmechanismus. Genau das ist wissenschaftliche Evidenz. Wer angesichts dieser Datenlage behauptet, oxidativer Zellstress sei „nicht bewiesen“, ignoriert den Stand der Forschung.

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Ein historisches Video von 1995: 3Sat - Wissenschaft im Kreuzverhör-Elektrosmog.

Die Biologin Isabel Wilke vom Katalyse Institut und Dr. Ulrich Warnke (Univ. Saarbrücken) diskutieren mit dem Moderator über die Risiken (ab Min. 22:15). Ab Min.17:30 werden die WLAN-Versuche von Prof. Lebrecht von Klitzing zu den Einwirkungen der Strahlung auf das Gehirn dokumentiert.

DIAGNOSE:FUNK: Im Review von Hu et al. wird auf mitochondriale Effekte hingewiesen.[8] Sie sprachen schon vor 20 Jahren von Mitochondriopathie.[9] Können Sie das erläutern?

ULRICH WARNKE: Mitochondrien sind für die Energieproduktion der Zellen verantwortlich. Studien, unter anderem von Xu et al.(2010), zeigen DNA-Schäden an Mitochondrien durch Hochfrequenzstrahlung.[10] Elektromagnetische Felder aktivieren spannungsgesteuerte Kalziumkanäle, was oxidativen Stress verstärkt und die Energieproduktion beeinträchtigt. Dieses Krankheitsbild wird als „Acquired Energy Dyssymbiosis Syndrome“ (AEDS) bezeichnet und steht im Zusammenhang mit chronischer Müdigkeit, neurodegenerativen Erkrankungen, Herzproblemen und Krebs. Besonders kritisch ist, dass Schäden an der mitochondrialen DNA mütterlicherseits vererbt werden können.

Der Review von Hu et al. von 2021 bestätigt dies nun auf neuestem Stand der Forschung. Er stellt dar, wie elektromagnetische Felder im Frequenzbereich des Mobilfunks, einschließlich WLAN, Neurotransmittersysteme im Gehirn beeinflussen. Das führt zu einem Neurotransmitter-Ungleichgewicht, in Zusammenhang mit oxidativem Stress und Apoptose, also zellulären Schädigungen und auch zur erhöhten Aktivität spannungsgesteuerter Kalziumkanäle, was zur Mitochondriopathie beiträgt.

DIAGNOSE:FUNK: Die Behörden argumentieren, unter dem Einfluss des Bundesamtes für Strahlenschutz, diese Effekte seien vor allem in Tierstudien nachgewiesen und nicht auf den Menschen übertragbar. Was entgegnen Sie diesem Argument?

ULRICH WARNKE: Tierstudien sind das Rückgrat der medizinischen Risikobewertung. Ohne sie gäbe es keine Arzneimittelzulassung und keinen Umwelt- oder Verbraucherschutz. Die biologischen Grundmechanismen sind bei Menschen und Tier hochgradig vergleichbar. Wer Tierstudien hier abwertet, verlässt den Boden wissenschaftlicher Logik.

  • Die Forschung zeigt konsistent: Mobilfunkstrahlung wirkt biologisch – nicht über Wärme, sondern über oxidativen Stress und bewirkt mitochondriale Schädigungen und langfristige Regulationsstörungen. Die wissenschaftliche Evidenz ist vorhanden. Die offene Frage ist nicht mehr, ob Risiken bestehen, sondern wie lange man sie politisch noch ignorieren will.

 

Bild: Bundesregierung, stepro

DIAGNOSE:FUNK: Es gibt doch gerade in neuester Zeit Fortschritte. Wichtige staatliche Institutionen haben diese Risiken bestätigt!

ULRICH WARNKE: Ja, das ist bemerkenswert. Neben dem National Toxicology Program (USA) haben auch europäische Institutionen Hinweise auf Krebs- und Fruchtbarkeitseffekte dokumentiert. Die STOA-Studie, herausgegeben vom Technikfolgenausschuss des EU-Parlaments stellte fest, dass es ausreichende Belege für Krebs bei Tieren und Hinweise auf Risiken für den Menschen gibt. Die Europäische Umweltagentur dokumentierte in einem Beitrag des Kollegen Hardell schon 2016 das Krebsrisiko und warnte zudem vor wiederholten Verstößen gegen das Vorsorgeprinzip.[11] Und selbst im TAB des Deutschen Bundestages[12] werden die NTP- und Ramazzini-Studien[13] zu Krebs als die bisher am besten durchgeführten Studien gelobt.

DIAGNOSE:FUNK: Aber dennoch spricht das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz davon, dass unterhalb der Grenzwerte keine Risiken zu befürchten seien. Können Sie noch etwas zur Rolle des Bundesamtes für Strahlenschutz sagen!

ULRICH WARNKE: Ja – und dabei beziehe ich mich ausdrücklich auf die Aussagen von Prof. Meike Mevissen, Professorin an der Universität Bern und langjähriges Mitglied der Schweizer Beratungsgruppe BERENIS. Ihre öffentlichen Aussagen sind deshalb so wichtig, weil sie aus direkter wissenschaftlicher Praxis stammen und nicht von außen spekulieren.

Mevissen hat im Interview mit Infosperber[14] sehr klar gesagt, dass Institutionen wie das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) Risiken systematisch „wegdiskutieren“. Sie kritisiert, dass das BfS von der Wissenschaft erwarte, dass sie zu dem Ergebnis kommt, dass es keine Effekte gibt – damit keine politischen Entscheidungen getroffen werden müssen. Das ist eine außergewöhnlich deutliche Aussage einer etablierten Wissenschaftlerin.

Mevissen beschreibt, wie ihre eigene Forschung behindert wurde. Bei Arbeiten für das WHO-EMF-Projekt habe es Versuche gegeben, die Auswahl der berücksichtigten Studien zu beeinflussen. Sie berichtet, dass ihr vorgeschlagen wurde, Studien in einen Topf zu werfen, um statistische Effekte zu verwässern – ein Vorgehen, das in der experimentellen Toxikologie als wissenschaftlich unzulässig gilt.

Diese Falschmeldung erschien fast lückenlos in deutschen Zeitungen!Stuttgarter Zeitung, 06.09.2024

Verharmlosungspropaganda - mit initiiert vom Bundesamt für Strahlenschutz

DIAGNOSE:FUNK: Das Bundesamt für Strahlenschutz beharrt darauf: "Die Grenzwerte schützen!" Das ist für uns als Verbraucherschutzorganisation eines der größten Probleme. Das führt dazu, dass Abgeordnete nicht über Risiken reden wollen, Gerichte keinen Grund sehen, Klagen zu überprüfen, Journalisten entwarnende Artikel schreiben und Politiker sich hinter diesem Argument verstecken und damit Untätigkeit rechtfertigen.

ULRICH WARNKE: Das BfS stützt seine Bewertungen fast ausschließlich auf Grenzwerte, die nur vor akuten thermischen Effekten schützen. Nicht-thermische Wirkungen – also genau jene Effekte, die Mevissen et al. in ihren Reviews zu oxidativem Stress und Krebs nachgewiesen hat – werden systematisch als „nicht relevant“ oder „nicht ausreichend belegt“ eingestuft, selbst wenn sie in hochwertigen Tier- und Zellstudien reproduziert wurden.

  • Es ist doch ein grundlegender Widerspruch: In der Arzneimittel- und Chemikalienbewertung gelten Tierstudien als unverzichtbar. Beim Mobilfunk erklärt man diese Ergebnisse plötzlich für „nicht auf den Menschen übertragbar“. Das ist keine wissenschaftliche Logik, sondern eine politische Setzung. Die biologischen Grundmechanismen – oxidativer Stress, DNA-Schäden, mitochondriale Dysfunktion – sind bei Säugetieren hochgradig konserviert.

Besonders alarmierend finde ich Mevissens Hinweis, dass diese Haltung die Forschung selbst beeinflusst. Wenn Wissenschaftler wissen, dass nur „No-Risk-Ergebnisse“ akzeptiert werden, entsteht ein massiver Anpassungsdruck. Mevissen nennt das offen beim Namen: Die Forschung sei hochpolitisch geworden, und die implizite Vorgabe, dass es keine Gesundheitsrisiken geben dürfe, behindere wissenschaftliche Arbeit .

  • Aus meiner Sicht bestätigt Mevissens Aussage, was viele seit Jahren vermuten: Das Bundesamt für Strahlenschutz bestreitet Risiken nicht, weil es keine Hinweise gäbe, sondern weil diese Hinweise nicht in das bestehende Bewertungsmodell passen. Anstatt das Modell an den Stand der Forschung anzupassen, werden die Befunde passend interpretiert.

Für eine staatliche Schutzbehörde ist das ein schweres Versäumnis. Das Vorsorgeprinzip verlangt nicht den endgültigen Beweis, sondern verantwortliches Handeln bei plausiblen biologischen Risiken. Wenn selbst eine von staatlichen Stellen beauftragte Wissenschaftlerin öffentlich sagt, ihre Forschung sei behindert worden, dann ist das kein Randaspekt mehr, sondern ein ernstzunehmendes strukturelles Problem.

DIAGNOSE:FUNK: Lieber Herr Warnke, Danke für das Interview und besonders für Ihre Arbeit in den letzten 60 Jahren. Wir hoffen mit ihnen, dass sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse gegen die Profitorientierung durchsetzen.

ULRICH WARNKE: Diese politische Arbeit macht ihr als diagnose:funk, in Berufung auf unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse. Als Wissenschaftlicher danke ich euch für die kontinuierliche Aufarbeitung der Studienlage und v.a., dass ihr die Öffentlichkeit und Politik darüber informiert. 

DIAGNOSE:FUNK: Danke, die Universitäten wandeln sich leider zunehmend von Elfenbeintürmen unabhängiger Forschung zu Beton- und Propagandaburgen der Industrie. Um so wichtiger, dass wir unsere Arbeit fortsetzen.

Das Interview führte Peter Hensinger (Vorstand diagnose:funk)

Quellenangaben von diagnose:funk eingefügt. Zum Interview hat Dr. Warnke ein Hintergrundpapier erarbeitet, das wissenschaftliche Grundlagen erläutert.

Weitere Interviews mit Dr. Ulrich Warnke:

BEEFI- Insekten-Studie (II) (2024): Interview mit Bienenforscher U. Warnke: „Die Ergebnisse müssen in den politischen Überlegungen zwingend berücksichtigt werden.“

Interview mit Dr. U. Warnke (2021): „Wenn die Politik so weitermacht, kann es passieren, dass immer noch Beweise eingefordert werden, obwohl die Menschheit bereits mehrheitlich chronisch krank ist.“

Quellen

[1] Henry Lai’s Research Summaries: https://bioinitiative.org/research-summaries/

[2] National Toxicology Program (2018): Toxicology and Carcinogenesis Studies in Hsd:Sprague Dawley SD Rats Exposed to Whole-Body Radio Frequency Radiation at a Frequency (900 MHz) and Modulations (GSM and CDMA) Used by Cell Phones. US. https://ntp.niehs.nih.gov/ntp/htdocs/lt_rpts/tr595_508.pdf

[3] Kim S, Han D, Ryu J, Kim K, Kim YH (2021): Effects of mobile phone usage on sperm quality - No time-dependent relationship on usage: A systematic review and updated meta-analysis. Environ Res 2021; 202: 111784; s. a. https://www.diagnose-funk.org/1797

STOA – Studie : https://www.diagnose-funk.org/aktuelles/artikel-archiv/detail?newsid=1789

Schweizer Soldatenstudie: Rita Rahban, Alfred Senn, Serge Nef, Martin Rӧӧsli. Association between self-reported mobile phone use and the semen quality of young men, Andrology 2023

Download der Studie: https://www.fertstert.org/article/S0015-0282(23)01875-7/fulltext

https://www.diagnose-funk.org/aktuelles/artikel-archiv/detail?newsid=2020

[4] Siehe dazu die diagnose-funk Reihe Überblicke: ÜBERBLICK Nr. 2: Ist Mobilfunk krebserregend?, ÜBERBLICK Nr. 4: Wirkt Mobilfunk auf das Gehirn? https://www.diagnose-funk.org/aktuelles/artikel-archiv/detail&newsid=2090

[5] Warnke / Hensinger (2013): Steigende „Burn-out“- Inzidenz durch technisch erzeugte magnetische und elektromagnetische Felder des Mobil- und Kommunikationsfunks, umwelt-medizin-gesellschaft

[6] Schuermann, D.; Mevissen, M. Manmade Electromagnetic Fields and Oxidative Stress—Biological Effects and Consequences for Health. Int. J. Mol. Sci. 2021, 22, 3772. https://doi.org/10.3390/ijms22073772, https://www.diagnose-funk.org/aktuelles/artikel-archiv/detail?newsid=1692

[7] Ilhan A, Gurel A, Armutcu F et al. (2004): Ginkgo biloba prevents mobile phone-induced oxidative stress in rat brain. Clin Chim Acta 340 (1­2): 153­162.

Paredi P, Kharitonov, SA, Hanazawa T et al. (2001): Local vasodilator response to mobile phones. Lokale Vasodilator­Antwort auf Handys. Laryngoscope 111 (1): 159­162.

Miura M, Takayama K, Okada J (1993): Increase in nitric oxide and cyclic GMP of rat cerebellum by radio frequency burst-type electromagnetic field radiation , J Physiol 1993; 461: 513-524, https://www.emf-portal.org/de/article/3395

Weitere frühere Studien zu ROS im Artikel von Warnke / Hensinger (2013), s. Anm. 5

[8] Hu C, Zuo H, Li Y (2021): Effects of Radiofrequency Electromagnetic Radiation on Neurotransmitters in the Brain. Front Public Heal. 2021;9 (August):1-15; DOI: 10.3389/fpubh.2021.691880 https://www.diagnose-funk.org/aktuelles/artikel-archiv/detail?newsid=2287

[9] Warnke / Hensinger (2013):

„Das durch Strahlenbelastung ausgelöste Krankheitsbild des ‚Aquired Energy Dyssymbiosis Syndroms’ (‚Erworbenes Energie­ Dyssymbiose­Syndrom’) bezeichnet einen Mangel an Zellenergie – bei gleichzeitiger Entgleisung des Zellmilieus. Das führt zur ‚Mitochondropathie’: Die Energiebildung (ATP) ist blockiert; die Kraftwerke der Zellenergie verwandeln sich in ergiebige Quellen für Freie Radikale. Die Veränderungen haben schwerwiegende Folgen:

1. Entzündungsprozesse breiten sich aus und setzen weitere Stoffe frei, die bei Überdosierung schädlich wirken (Tumornekrosefaktor TNFα und immer wieder Stickstoffmonoxid). Dabei sollte man auch im Blick haben, dass Entzündungen in unserer Industriegesellschaft laufend zunehmen, und dass Arteriosklerose wie Herzinfarkt – die Todesursache Nummer 1 – letztlich auf Entzündungen basieren. Diese Sicht hat sich heute in der wissenschaftlich tätigen Ärzteschaft bereits durchgesetzt.

2. Aerobe Glykolyse (Glykolyse trotz vorhandenem Sauerstoff ) wird als ‚Notstromaggregat’ aktiviert – was wiederum verbunden ist mit:

• Stimulation von Proto-Onkogenen (Vorstufen von Krebsgenen)

• erhöhter Freisetzung von Superoxid-Radikalen

• Laktatazidose (Übersäuerung).

3. Schließlich mutiert das Genom der Mitochondrien. Gerade diese pathologische Veränderung kann aber mütterlicherseits auch vererbt werden. Sie belastet die Nachkommen und geht in den Erbgang der Generationen ein.“

[10] XU S, Zhou Z, Zhang L et al. (2010): Exposure to 1800 MHz radiofrequency radiation induces oxidative damage to mitochondrial DNA in primary cultured neurons. Brain Res 1311: 189–196

[11] Europäische Umweltagentur (2004, 2013): Späte Lehren aus frühen Warnungen, Download: https://www.diagnose-funk.org/aktuelles/artikel-archiv/detail?newsid=1039

[12]  Bericht des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, Drucksache 20/5646 (2023): „Mögliche gesundheitliche Auswirkungen verschiedener Frequenzbereiche elektromagnetischer Felder (HF-EMF).“ PDF-Link: https://dserver.bundestag.de/btd/20/056/2005646.pdf, Artikelserie mit

Analysen zum TAB-Bericht: https://www.diagnose-funk.org/1954

[13]  Falcioni et al. (2018): Report of final results regarding brain and heart tumors in Sprague-Dawley rats exposed from prenatal life until natural death to mobile phone radiofrequency field representative of a 1.8 GHz GSM base station environmental emission, Environ Res 2018; 165: 496-503, https://www.diagnose-funk.org/aktuelles/artikel-archiv/detail?newsid=1431

National Toxicology Program (2018): Toxicology and Carcinogenesis Studies in Hsd:Sprague Dawley SD Rats Exposed to Whole-Body Radio Frequency Radiation at a Frequency (900 MHz) and Modulations (GSM and CDMA) Used by Cell Phones. US. https://ntp.niehs.nih.gov/ntp/htdocs/lt_rpts/tr595_508.pdf

[14] Infosperber / Pascal Sigg, 16.01.2026:  «Unsere Forschung wurde behindert», https://www.infosperber.ch/politik/schweiz/unsere-forschung-wurde-behindert/

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