Diese mediale Entwarnungskampagne stützte sich auf die Krebsstudie von Karipidis et al.(2024) für die WHO. Diese Pressekampagne wurde offensichtlich gemeinsam von der WHO, der ICNIRP und dem deutschen Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) initiiert.[6] Diese Darstellung wurde von unabhängigen Wissenschaftlern scharf kritisiert, einige forderten die Rücknahme der Arbeit von Karipidis et al.[7] Auch diagnose:funk widersprach und zeigte in der Pressemitteilung 7 zu 1 fürs Krebsrisiko auf, dass sieben anerkannte systematische Reviews ein erhöhtes Risiko fanden – und nur eine einzige Studie, die von Karipidis et al. (2024), zur Entwarnung (Krebspotential) kam. Ken Karipidis ist stellvertretender Vorsitzenden der ICNIRP und Hauptautor der Übersichtsarbeit.
Inzwischen zeigt sich immer deutlicher, dass das WHO‑Entwarnungs-Narrativ bröckelt. Nachdem die WHO 2023 Wissenschaftler weltweit zur Einreichung systematischer Reviews für eine Neubewertung des Risikos aufgefordert hatte, berichtet eine an diesen Arbeiten selbst beteiligte Forscherin, die Toxikologin Meike Mevissen, Professorin an der Universität Bern, von politischem Druck durch die WHO und das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz. Mevissen deckte in einem Interview mit dem Schweizer Portal Infosperber (19.01.2026) auf, dass WHO und BfS erwarteten, dass die Studien zur Mobilfunkstrahlung so konzipiert werden, dass sie keine Effekte finden.[8] Sie versuchten, die wissenschaftliche Methodik und die Ergebnisse zu beeinflussen, so Mevissen im Interview:
- "Am meisten störte mich, dass man uns ständig sagen wollte, wie wir unsere Arbeit zu machen hatten. Zuerst wollte uns der verantwortliche Experte für systematische Reviews der WHO, der selber noch nie an Tierstudien gearbeitet hatte, die Meta-Analyse der zu berücksichtigenden Studien abnehmen. Er wollte also für uns auswählen, welche Studien für die Beurteilung überhaupt infrage kamen."
Mevissen beugte sich nicht dem Druck und lieferte mit ihrer Studie für die WHO eine objektive Auswertung ab, die das Krebspotential bestätigt. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass andere Wissenschaftler ihre Reviews unter Erwartungsdruck und in Richtung eines politisch gewünschten Ergebnisses eingereicht haben, u.a. die 11 Studien für die WHO, die alle der No-Risk-Erwartung nachgekommen sind. Sie wurden maßgeblich von ICNIRP und BfS-nahen Wissenschaftlern durchgeführt. Prof. James C. Lin bezeichnete diese Symbiose aus WHO / ICNIRP / BfS als "Industrie-Regulierungs-Komplex". Mevissen bestätigt indirekt, wie richtig die Forderung der ICBE-EMF (International Commission on the Biological Effects of Electromagnetic Fields) nach einem Rückzug dieser Studien ist. Der Review von Weller et al. legt Grundlagen zur Studienlage, um diese derzeit heftige Debatte faktenbasiert beurteilen zu können.
Quellen:
[1] Aus Weller et al. zu Strahlungsintensitäten (eigene Übersetzung):
“Studien, die extrem niedrige Expositionswerte (<0,001 W/kg) untersuchten, berichteten über den höchsten Anteil an genotoxischen Effekten (81 % von 21 Studien). Darüber hinaus nahm der Anteil statistisch signifikanter DNA-Schädigungen mit steigender Intensität ab. Bei extrem hohen Intensitäten (>10 W/kg), die die ICNIRP-Grenzwerte überschreiten, stieg der Anteil statistisch signifikanter DNA-Schädigungen jedoch wieder an (58 % von 59 Studien) (siehe Zusatztabelle 13). Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass DNA-Schädigungen keinem linearen Dosis-Wirkungs-Muster folgen und dass nicht-thermische Mechanismen wahrscheinlich eine bedeutende Rolle bei RF-induzierten DNA-Schädigungen spielen.(S.14) …
„Diese komplexe Wechselwirkung bestätigt frühere Hinweise von Lai und Levitt 2022 (43) auf nichtlineare Reaktionsmuster sowohl für die Intensität als auch für die Dauer. Sie zeigt, dass die Intensität allein nicht der einzige wichtige Faktor für die Ergebnisse ist, sondern dass auch die Dauer der Exposition ein entscheidender, moderierender Faktor ist. Darüber hinaus sind lineare Modelle für die Beschreibung der Ergebnisse in diesem Bereich nicht geeignet.“ (S.14) …
„Der Prozess der Evidenzkartierung ergab jedoch statistisch signifikante DNA-Schäden bei extrem niedrigen Intensitäten, wobei die niedrigsten aufgezeichneten Effekte bei einer SAR von 0,000000319 W/kg in einer epidemiologischen Studie (117) und bei 0,000003 W/kg in mehreren In-vivo-Experimenten (118, 119) auftraten. Diese Werte liegen deutlich (>600.000-mal) unter den Grenzwerten der ICNIRP für die Exposition der Bevölkerung (15). Dieses Muster deutet auf nicht-thermische genotoxische Effekte hin, da Temperaturänderungen bei diesen Intensitäten vernachlässigbar und nicht messbar wären.” (S. 25)
[2] diagnose:funk (2011): Funkstrahlung möglicherweise krebserregend. WHO-Interphone Studie abgeschlossen, https://www.diagnose-funk.org/929
[3] National Toxicology Program (2018): Toxicology and Carcinogenesis Studies in Hsd:Sprague Dawley SD Rats Exposed to Whole-Body Radio Frequency Radiation at a Frequency (900 MHz) and Modulations (GSM and CDMA) Used by Cell Phones. US. https://ntp.niehs.nih.gov/ntp/htdocs/lt_rpts/tr595_508.pdf
Falcioni, L.; Bua, L.; Tibaldi, E.; Lauriola, M.; de Angelis, L.; Gnudi, F. et al. (2018): Report of final results regarding brain and heart tumors in Sprague-Dawley rats exposed from prenatal life until natural death to mobile phone radiofrequency field representative of a 1.8 GHz GSM base station environmental emission. In: Environmental research 165, S.496–503. DOI: 10.1016/j.envres.2018.01.03
[4] Lerchl, A. (2018): Synergistische Wirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder in Kombination mit kanzerogenen Substanzen – Kokanzerogenität oder Tumorpromotion? Vorhaben 3615S82431. Ressortforschungsberichte zum Strahlenschutz. Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) (Hrsg.), Salzgitter (BfS-RESFOR, 130/18). http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0221-2018011014465 (22.10.2020)
Lerchl, A.; Klose, M.; Grote, K.; Wilhelm, A.; Spathmann, O.; Fiedler, T.; Streckert, J.; Hansen, V.; Clemens, M. (2015): Tumor promotion by exposure to radiofrequency electromagnetic fields below exposure limits for humans. Biochemical and biophysical research communications 459(4), S.585–590
[5] Bericht des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, Drucksache 20/5646 (2023): „Mögliche gesundheitliche Auswirkungen verschiedener Frequenzbereiche elektromagnetischer Felder (HF-EMF).“ PDF-Link: https://dserver.bundestag.de/btd/20/056/2005646.pdf, Artikelserie mit Analysen zum Bericht: https://www.diagnose-funk.org/1954
[6] Artikel: ICNIRP-Studie behauptet, Handynutzung erhöhe Krebsrisiko nicht. Ist das so? Wir analysieren die weltweite Kampagne zur Risikoleugnung! https://www.diagnose-funk.org/2127
Artikel: Alter Wein in neuen Schläuchen. Entschlüsselung der neuen ICNIRP-Krebsstudie. https://www.diagnose-funk.org/2125
[7] Artikel: ICNIRP/BfS-Studien: Wissenschaftler fordern Rücknahme. ICNIRP/BfS-Studien: Wissenschaftler fordern Rücknahme. https://www.diagnose-funk.org/2169
Kritiken und Rücknahmeforderungen zum Review von Karipidis et al. (2024):
ICBE‑EMF Kritik: Frank, J. W., et al. (2025). The Systematic Review on RF‑EMF Exposure and Cancer by Karipidis et al. (2024) has Serious Flaws that Undermine the Validity of the Study’s Conclusions. www.emf-portal.org/de/article/57879
Epidemiologische Kritik: Di Ciaula, A., et al. (2025). Exposure to radiofrequency electromagnetic fields and risk of cancer: Epidemiology is not enough! www.emf-portal.org/de/article/58456
Rücknahmeforderung: Hardell, L., & Nilsson, M. (2025). A Critical Analysis of the World Health Organization (WHO) Systematic Review 2024 on Radiofrequency Radiation Exposure and Cancer Risks. http://www.emf-portal.org/de/article/59304
[8] Interviewfrage: „In einer weltweit Aufsehen erregenden Übersichtsstudie für die WHO haben Sie unlängst festgehalten, dass elektromagnetische Strahlung bei Labortieren Krebs in Form von Herz- oder Hirntumoren verursacht. Wurden Sie auch bei dieser Arbeit behindert?
Mevissen: Ja, am meisten störte mich, dass man uns ständig sagen wollte, wie wir unsere Arbeit zu machen hatten. Zuerst wollte uns der verantwortliche Experte für systematische Reviews der WHO, der selber noch nie an Tierstudien gearbeitet hatte, die Meta-Analyse der zu berücksichtigenden Studien abnehmen. Er wollte also für uns auswählen, welche Studien für die Beurteilung überhaupt infrage kamen. Doch dies war ja gerade eine wichtige Leistung von uns. Wir mussten uns ständig wehren, obwohl wir die weltbesten Leute zu diesem Thema beisammen hatten. Dies hat leider alles verzögert."