Mobilfunk-Basisstationen und unspezifische Gesundheitssymptome
Größere Häufigkeit von Symptomen in Verbindung mit einer Befeldung von Mobilfunk-Basisstationen in einer hügeligen, dicht besiedelten Stadt in Mizoram, Indien
Sailo L, Laldinpuii, Zosangzuali M, Weller S, Varte CL, Tochhawng L, McCredden JE, Zothansiama. (2025): Greater prevalence of symptoms associated with higher exposures to mobile phone base stations in a hilly, densely populated city in Mizoram, India. Electromagnetic Biology and Medicine, 00(00), 1–20. https://doi.org/10.1080/15368378.2025.2513900
Die gesundheitsschädliche Wirkung von Mobilfunk-Basisstationen (MFBS) wurden in jüngerer Vergangenheit beschrieben (Gulati et al., 2024) (wir berichten im ElektrosmogReport 03/24, Anm. d. Red. (1)). Die vorliegende Studie untersucht die Prävalenz unspezifischer gesundheitlicher Symptome in Zusammenhang mit MFBS bzw. der Nähe des Wohnortes zu MFBS. Hintergrund sind Berichte über die Zunahme von Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, Niedergeschlagenheit u. ä. nach der Installation von MFBS. Die Studie wurde zwischen 2023 und 2024 in der hügeligen Stadt Aizawl (Mizoram, Indien) durchgeführt.
Studiendesign und Durchführung:
Die Autoren wählten 30 Mobilfunk-Basisstationen aus, wobei 20 mit 900 MHz und 10 mit 1800 MHz operierten. 183 hoch-exponierte Bewohner der Stadt (< 300 m) und 126 Referenzbewohner (> 400 m) wurden demographisch abgestimmt für diese Studie rekrutiert. Dies beinhaltete auch Verhaltenscharakteristika wie z. B. Alkohol- und Tabakkonsum und Mobiltelefonnutzung. In 103 Haushalten wurde insbesondere im Wohnraum eine dosimetrische Messung der Hochfrequenz-Leistungsdichte vorgenommen. Die gemessenen Werte lagen zwischen 0,01 und 7,24 mW/m² und damit weit unter ICNIRP-Grenzwerten für MFBS (4500 mW/m² für 900 MHz; 9200 mW/m² für 1800 MHz). Je nach Entfernung zum nächsten Mobilfunkmast (1 – 50 m; 51 – 300 m; > 400 m) bzw. gemessener Leistungsdichte (0 – 3 mW/m²; 3 – 5 mW/m²; 5 – 8 mW/m²) wurden die Probanden in Subgruppen unterteilt. Die in vier Kategorien eingeteilten gesundheitlichen Symptome (1. stimmungs- bzw. energiebezogen; 2. kognitiv-sensorisch; 3. inflammatorisch; 4. anatomisch) wurden mittels Fragebogen erfasst. Ursprünglich als 4-stufige Skala geplant, wurden die Selbstauskünfte der Probanden schließlich dichotom (ja/nein) ausgewertet, weil die meisten Teilnehmer keine feineren Abstufungen angeben konnten. Es folgte eine umfangreiche statistische Auswertung der Daten.
Ergebnisse:
Bei allen vier Symptomkategorien (s. o.) wurden statistisch signifikante Korrelationen zwischen der Stärke der Exposition und der Häufigkeit des Symptomauftretens gefunden, z. B. Angststörungen, Kopfschmerzen, Brustschmerzen, Schlafstörungen, Konzentrations- und Verdauungsprobleme. Es wurde erwartungsgemäß eine stark negative Korrelation zwischen Distanz zur MFBS und Leistungsdichte dokumentiert, d. h. die gemessene Feldstärke nimmt im Mittel deutlich ab, je weiter ein Haushalt von den Masten entfernt ist. Allerdings gab es Überlappungen (eingeschränkte Sichtlinie, Topographie, Häuser), weswegen die Leistungsdichte besser mit dem Auftreten der Symptome korrelierte (hierarchische Regressionsanalyse), als die Entfernung zur MFBS. Die einbezogenen demographischen und verhaltensbedingten Variablen zeigten keine statistisch signifikante Auswirkung auf die Häufigkeit des Auftretens der jeweiligen Symptome, mit Ausnahme des Alters. Probanden über 40 klagten signifikant häufiger über anatomische Beschwerden. Bemerkenswerterweise berichteten stärker exponierte jüngere Probanden unter 40 statistisch signifikant über Entzündungssymptome (Allergien und erhöhte Infektionen).
Schlussfolgerungen:
Obwohl die maximal gemessene Leistungsdichte lediglich 7,2 mW/m² betrug (die Sendeleistung von MFBS auf ICNIRP-Basis liegen bei 4500 bzw. 9200 mW/m²), berichteten stärker exponierte Bewohner der indischen Stadt Aizawl signifikant häufiger über unspezifische Gesundheitssymptome. Dies korrelierte stark mit den gemessenen Leistungsdichten dosis-wirkungsabhängig. Insbesondere die Erkenntnis, dass Mobilfunk-Basisstationen bei jüngeren Menschen entzündliche Prozesse fördern könnten, sei besorgniserregend und müsse weiter untersucht werden. Laut den Autoren berücksichtigen die ICNIRP-Grenzwerte, die über 5 oder 30 Minuten gemittelt werden, nicht ausreichend kumulative Dosen, die in der realen Welt auftreten.
Anmerkungen der Redaktion:
Die Studie kann mit realen Expositionsmessungen, Berücksichtigung von Lebensstilen und umfangreicher statistischer Auswirkung aufwarten. Allerdings ist die Erhebung der Basisdaten durchaus als kritisch zu betrachten. Selbstberichtete, dichotome Symptomdaten sind anfällig für Wahrnehmungs- und Erinnerungsverzerrung; eine mögliche Informationsverzerrung ist nicht auszuschließen, da die technischen Assistenten nicht bezüglich des Befeldungsstatus (Abstand MFBS) verblindet waren, auch wenn möglichst wenig Interaktion beim Ausfüllen der Fragebogen erfolgt sei. Außerdem bestand eine ungleiche Gruppengröße zwischen exponierten und Referenzpersonen. Auch die Gesamtgröße fällt hinsichtlich der Erhebung epidemiologischer Daten gering aus. Die Tatsache, dass keine biologischen Marker bestimmt oder ärztliche Untersuchungen stattgefunden haben, ist bedauernswert, insbesondere im Kontext von erhöhten entzündlichen Prozessen bei jüngeren Menschen. Diese Daten hätten möglicherweise eine kausale Wirkungsbeziehung herstellen können, wie z. B. bei der ATHEM-3 Studie (Gulati et al., 2024). Auch wenn die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit aufgrund der detaillierten statistischen Betrachtung relevant sind, wären gewisse Modifikationen am Studiendesign wünschenswert gewesen. Allerdings hat dieselbe Arbeitsgruppe bereits Studien vorgelegt, in denen diese Anforderungen erfüllt sind (2) (3). (RH)
(1) Gulati S, Mosgoeller W, Moldan D, Kosik P, Durdik M, Jakl L, Skorvaga M, Markova E, Kochanova D, Vigasova K, Belyaev I (2024): Evaluation of oxidative stress and genetic instability among residents near mobile phone base stations in Germany. Ecotoxicology and Environmental Safety, 279(May), 116486; DOI: 10.1016/j.ecoenv.2024.116486.
Besprochen auf EMF:data https://www.emfdata.org/de/studien/detail?id=847, siehe dazu:
Artikelserie zur ATHEM-3-Studie: https://www.diagnose-funk.org/forschung/studien-reviews-berichte/studien-zu-mobilfunk-basisstationen/artikelserie-athem-3-studie
(2) Zosangzuali M, Lalremruati M, Lalmuansangi C, Nghakliana F, Pachuau L, Bandara P, Zothansiama. (2021): Effects of radiofrequency electromagnetic radiation emitted from a mobile phone base station on the redox homeostasis in different organs of Swiss albino mice. [Wirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Strahlung, ausgesendet von einer Mobilfunk-Basisstation auf die Redox-Homöostase in verschiedenen Organen von Swiss Albino-Mäusen.] Electromagnetic Biology and Medicine, 40(3), 393–407; DOI:10.1080/15368378.2021.1895207.
Besprochen auf EMF:data https://www.emfdata.org/de/studien/detail?id=686
(3) Zothansiama, Zosangzuali, M., Lalramdinpuii, M., & Jagetia, G. C. (2017): Impact of radiofrequency radiation on DNA damage and antioxidants in peripheral blood lymphocytes of humans residing in the vicinity of mobile phone base stations. Electromagnetic Biology and Medicine, 36(3), 295–305. [Wirkungen von hochfrequenten Feldern auf DNA-Schädigung und Antioxidantien in peripheren Blut-Lymphozyten von Menschen, die in der Nähe von Mobilfunk-Basisstationen wohnen] DOI: 10.1080/15368378.2017.1350584
Besprochen auf EMF:data https://www.emfdata.org/de/studien/detail?id=738
Anmerkungen
[1] Die Studie wurde von einem Team mehrerer Institutionen durchgeführt:
- Lalhruaitluangi Sailo, Laldinpuii, Mary Zosangzuali, Zothansiama – Department of Zoology, Mizoram University (A Central University), Aizawl, Indien
- Steven Weller – Centre for Environment and Population Health, Griffith University, Brisbane, Australien & Oceania Radiofrequency Scientific Advisory Association (ORSAA), Australien
- C. Lalfamkima Varte – Department of Psychology, Mizoram University, Indien
- Lalchhandami Tochhawng – Mizoram Science, Technology and Innovation Council (MISTIC), Indien
- Julie E. McCredden – Oceania Radiofrequency Scientific Advisory Association (ORSAA), Australien