In Mumbai untersuchten die Universitätsklinik und das Institut für Gesundheitswissenschaften, wie sich die Umgebungsstrahlung digitaler Geräte und Mobilfunkmasten auf die Entwicklung von Säuglingen auswirkt.
Bild: Homepage MMCDie Studie „Radiofrequente elektromagnetische Felder und neurologische Entwicklungsstörungen bei Säuglingen: Eine prospektive Kohortenstudie“ (>>> Volltext Setia et al. 2025), wurde durchgeführt vom Mahatma Gandhi Mission (MGM) Institut für Gesundheitswissenschaften und dem Medical College and Hospital – alle ansässig in Navi Mumbai (Indien). Die Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen der Strahlenbelastung in Haushalten und den Auswirkungen auf Säuglinge.
105 Neugeborene wurden über ein Jahr in ihrer Entwicklung in Relation zur häuslichen Strahlenbelastung beobachtet. Von der indischen Arbeitsgruppe Setia et al. wurden alle Strahlungsquellen im Haus incl. der Einstrahlung von Mobilfunkmasten erfasst. Besonders interessant: Da Säuglinge nicht selbst telefonieren, macht die Studie Aussagen zu den Auswirkungen der Umgebungsstrahlung, also zum „Passivtelefonieren“. Die häusliche Strahlenbelastung betrug im Schnitt 8,66 mW/m2 sie schwankte zwischen 0,62 und 32,36 mW/m2. Die Strahlungsbelastung der Säuglinge wird in der Praxis vermutlich noch höher sein. Es werden in der Studie keine Aussagen über die viel beobachtete Praxis gemacht, dass Mütter und Väter oftmals das Baby an der Brust tragen und in geringem Abstand davon mit dem Smartphone kommunizieren. Das Baby ist dadurch einer hohen Nahfeldbestrahlung ausgesetzt.
Hoch riskante NahfeldbestrahlungBild: pexels-rdne-6849349Höhere Strahlenbelastung – mehr Defizite
In den Bereichen „Kommunikation“ und „Grobmotorik“ war der Anteil der behandlungsbedürftigen Kinder (Klassifikation ‘monitor/refer’) mit Entwicklungsverzögerungen bei den stark bestrahlten Säuglingen höher als bei denen mit geringer Belastung, im Bereich „Problemlösung“ war der Unterschied statistisch signifikant. Die Autoren schlussfolgern,
- „dass höhere Strahlungswerte mit schlechteren Ergebnissen in kognitiven Entwicklungsbereichen wie Problemlösung und persönlichem und sozialem Verhalten assoziiert waren … Daher könnte es notwendig sein, die Überwachung der neurologischen Entwicklung bei Kindern in Betracht zu ziehen, bei denen eine höhere HF-EMF-Strahlung zu erwarten ist (z. B. in unmittelbarer Nähe von Mobilfunkmasten und bei zu vielen elektronischen Geräten im Haushalt).“
Die Autoren schreiben, dass dies die erste Studie dieser Art sei und sie deshalb keine Kausalität behaupten. Die Ergebnisse über diese nicht-thermischen Auswirkungen sind aber so brisant, dass aus ihnen zwingend Vorsorgemaßnahmen abgeleitet und weitere Studien in Auftrag gegeben werden müssten.
Es ist bemerkenswert, dass bei diesen indischen Institutionen ein Risikobewusstsein besteht und diese Fragestellung untersucht wird. In Deutschland herrscht unter der Mehrheit der Schulmedizin und Ärzteverbänden immer noch das vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) verbreitete Narrativ: Die Mobilfunkstrahlung sei unterhalb der Grenzwerte aus rein biophysikalischen Gründen ungefährlich. Diese Grundposition führt dazu, dass kein Untersuchungsbedarf gesehen und kein Erkenntnisfortschritt angestrebt wird. Eine unverantwortliche Situation, die der Industrie in die Hände spielt.
Cover:diagnose:funkWie sind die Entwicklungsverzögerungen durch die Strahlenbelastung bei Säuglingen erklärbar? Ist es nur eine vermutete Korrelation oder liegen dazu bereits Forschungen vor, die kausale Zusammenhänge nachweisen? Dazu legt diagnose:funk mit dem Überblick Nr. 4 „Wirkt Mobilfunk auf das Gehirn?“ eine umfassende Forschungsaufarbeitung vor.
Publikation zum Thema
Cover:diagnose:funkStand: 06.08.2025Format: A4Seitenanzahl: 44 Veröffentlicht am: 01.08.2025 Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk
Überblick Nr. 4: Wirkt Mobilfunk auf das Gehirn?
Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Der Überblick Nr. 4 gibt einen wissenschaftlich fundierten Überblick über die Auswirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder (HF-EMF), wie sie durch Mobilfunkgeräte und WLAN erzeugt werden, auf das sich entwickelnde kindliche Gehirn. Auf Basis von über 50 internationalen, peer-reviewten Studien werden molekularbiologische Mechanismen beschrieben, durch die Mobilfunkstrahlung in zentrale neurophysiologische Prozesse eingreift.
Besonders betroffen ist der Hippocampus, der für Gedächtnis, Lernen und Raum-Zeit-Orientierung verantwortlich ist. Die Strahlung führt nachweislich zu einer Reduktion synaptischer Plastizität, einer verminderten Expression von Glutamatrezeptoren (insbesondere NMDA) sowie einer signifikanten Abnahme des Wachstumsfaktors BDNF. Diese Veränderungen beeinträchtigen die Reifung neuronaler Netzwerke und stören die Hirnaktivität durch eine Desynchronisation endogener Oszillationen. Weitere dokumentierte Effekte umfassen die Öffnung der Blut-Hirn-Schranke, oxidativen Stress, mitochondriale Schäden und kognitive Entwicklungsdefizite. Epidemiologische Studien weisen zusätzlich auf Zusammenhänge mit Verhaltensauffälligkeiten, Aufmerksamkeitsstörungen und emotionalen Dysregulationen hin. Angesichts der besonderen Vulnerabilität des kindlichen Gehirns fordert der Artikel die Anwendung des Vorsorgeprinzips in pädagogischen Einrichtungen und eine strahlenminimierte Gestaltung von Bildungsumgebungen. Die vorgelegten Ergebnisse belegen, dass die HF-EMF-Exposition als eigenständiger Risikofaktor in der Frühentwicklung ernst genommen werden muss.
diagnose:funk BrennpunktSeptember 2023Format: A4Seitenanzahl: 44 Veröffentlicht am: 12.09.2023 Bestellnr.: 251Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk
Drahtlose Technologien, nicht-ionisierende elektromagnetische Felder und Kinder: Gesundheitsrisiken erkennen und reduzieren.
Übersetzung des Reviews von Davis et al. (2023)
Autor:
Davis et al.
Inhalt:
diagnose:funk veröffentlicht als Brennpunkt die Übersetzung des Reviews über Mobilfunk und die Gesundheit von Kindern. Sieben renommierte Experten unter Leitung von Prof. Linda Birnbaum, der ehemaligen Direktorin des US-amerikanischen National Toxicology Program (NTP) und des National Institute for Environmental Health (NIEHS), legen mit dieser Studie zum ersten Mal einen umfassenden Überblick über die Forschungsergebnisse zu Auswirkungen von Mobilfunkstrahlung auf Fortpflanzung, Schwangerschaft und Kinder vor. Sie fordern Mediziner auf, die Strahlenbelastung in der Familie im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen von Kindern zu berücksichtigen. Originalstudie: Davis D, Birnbaum L, Ben-Ishai P, Taylor H, Sears M, Butler T, Scarato T. Wireless technologies, non-ionizing electromagnetic fields and children: Identifying and reducing health risks. Curr Probl Pediatr Adolesc Health Care 2023; 53 (2): 101374. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36935315/