Berufsgenossenschaften: Tablets sind als Arbeitsgeräte eine Körperverletzung!

Ergonomie – Erwachsene geschützt, Kinder ignoriert
Die Kommunen, die jetzt die Gelder des Digitalpaktes Schule abrufen und damit Tablets an Schulen einführen, verstoßen gegen Grundsätze der Arbeitsergonomie. Tablets und Smartphones als Lernmedien verbieten sich an Kitas und Schulen. Das Lernen am Bildschirm muss sich an ergonomischen Vorschriften orientieren und an großen Bildschirmen erfolgen.
Die Zukunft des Lernens? Allein am Tablet, gesteuert vom Avatar aus der Schulcloud?Bild:pexels, werner pfennig

Eine Mutter einer Gemeinde aus der Ostalb rief uns in der Sprechstunde an. Sie berichtete, dass das örtliche Gymnasium ganz stolz auf seine lückenlose Tablet-Ausrüstung sei. Ihr Kind lerne in allen Unterrichtsstunden nur noch mit dem Tablet. Es kann es nach Hause nehmen und macht dann darauf seine Hausaufgaben. Die Schule sei stolz auf den Unterricht ohne Bücher und fühle sich fortschrittlich. Diese intensive Nutzung von Smartphones und Tablets im Kindesalter ist nicht harmlos – sie kommt einer stillen, unterschätzten Form der Körperverletzung gleich. Und das ist nicht etwa eine emotionale Übertreibung, sondern medizinisch und wissenschaftlich belegbar.

Leitlinie

Leitlinien warnen! 

In Betrieben gelten strenge Regeln für die ergonomische Arbeitsplatzgestaltung der Büroarbeit. Die „S2k-Leitlinie Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend“ von 11 deutschen Fachverbänden weist auf den Regelverstoß durch die Einführung von Tablets an KiTas und Schulen hin:

  • „Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass digitaler Unterricht dieselben Beschwerdebilder mit sich bringt, wie die klassische Büroarbeit bzw. Bildschirmtätigkeit: Kopfschmerzen, Nervosität, Reizbarkeit, muskeloskelettale Erkrankungen und Erkrankungen der Augen. Ein großer Teil der Kinder verfügt über keinen Zugang zu umfassend ausgestatteten PC-Arbeitsplätzen und folgt somit dem digitalen Unterricht auf mobilen Endgeräten. Nicht zuletzt, weil viele Schulen zur Sicherstellung des digitalen Unterrichts dazu übergegangen sind, Tablets in großen Mengen zu kaufen oder von der Industrie als Geschenk entgegenzunehmen, und als Leihgeräte an Schüler auszugeben. Diese Entwicklung ist bedenklich, da die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aufgrund der erhöhten Risiken physischer Beanspruchung dazu rät, Tablets und Smartphones nur kurzzeitig zu nutzen“ (Leitlinie 2023, S.17).

Als Lern- und Arbeitsgeräte werden Tablets und Smartphones in Schulen nicht kurzzeitig genutzt, daher verbieten sich Tablets und Smartphones in Schulen. Bis zum 16. Lebensjahr empfehlen Experten einen bildschirmfreien Unterricht. Ab der Oberstufe sind ergonomisch ausgestattete Bildschirmarbeitsplätze zum Schutz von Folgeschäden erforderlich. Insbesondere frühe Kurzsichtigkeit mit einem hohen Risiko früher Erblindung ist eine Folge kleiner Bildschirme. Also:

  • Fragen Sie bei den Lehrpersonen und LeiterInnen der KiTa und Schule Ihrer Kinder, im Kultusministerium und Schulamt nach, wie sie den Passus in der Leitlinie für ihre Einrichtung interpretieren?
Prof. Manfred Spitzer

Myopie – Die Epidemie unserer Zeit: Endstation Bildheit!

Prof. Manfred Spitzer hat in einem >>> Review (2022) diese gesundheitlichen Folgen ausführlich dokumentiert. In China seien bereits 87,7%, in Südkorea 96,5% der Jugendlichen kurzsichtig. Studien aus Ostasien belegen: Wer in jungen Jahren viel auf Bildschirme starrt, insbesondere im Nahbereich, läuft Gefahr, frühzeitig an Myopie (Kurzsichtigkeit) zu erkranken. Sich darüber hinwegzusetzen, grenze an wissentliche Körperverletzung, sagte Spitzer in einem Vortrag. Bereits im Grundschulalter nimmt die Zahl der kurzsichtigen Kinder rapide zu. Das Auge passt sich dem Sehverhalten an – und wächst in die Länge. Die Folge: Das Bild fällt nicht mehr korrekt auf die Netzhaut, sondern davor. Anfangs ist das nur eine Brille. Doch je früher die Myopie beginnt, desto stärker wird sie – und desto höher ist das Risiko für gravierende Spätfolgen wie Netzhautablösungen, Makuladegeneration oder sogar Erblindung. 

Zu weiteren Folgen schrieb uns der Umweltreferent der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) Dr. Heinz Fuchsig:

  • „Solange die Tablets flach am Tisch liegen, führt das durch Kopfbeugung auch zu Nackenverspannungen und Kopfschmerzen (zu 60% Verspannungs-Kopfschmerzen) – der häufigsten Beschwerde von Schüler:innen neben Müdigkeit (die ja teilweise auch dem Blaulichtkonsum und Bewegungsmangel vor dem Schlaf geschuldet ist). „Erhobenen Hauptes“ geht dann gar kein Schüler mehr nach Hause, sondern gesenkten Hauptes, weil er gar nicht mehr anders kann. Alles im wahrsten Sinn des Wortes sehr kurzsichtig!“
Bild: Berufsgenossenschaft BGHM

Für das Arbeiten am Bildschirm gelten strenge, arbeitsmedizinische Vorschriften. 

Ergonomie – Erwachsene geschützt, Kinder ignoriert

Ein erschütternder Kontrast offenbart sich, wenn man diese Tatsachen den offiziellen ergonomischen Standards für Bildschirmarbeit gegenüberstellt. Die Deutschen Berufsgenossenschaften haben klare Regeln und Schutzmaßnahmen für Erwachsene formuliert, die täglich an Bildschirmen arbeiten müssen:

  • Regelmäßige Pausen alle 50 bis 60 Minuten, idealerweise mit Bewegung.
  • Arbeitsabstand von mindestens 50 bis 70 cm zum Monitor.
  • Optimale Beleuchtung zur Vermeidung von Blendung und Augenermüdung.
  • Blickwechsel und Raumtiefe, um die Augenmuskulatur zu entlasten.
  • Blaufilter und Bildschirmbrillen, um die Strahlung zu reduzieren.

Diese Regeln gelten für Erwachsene, deren Sehapparat ausgereift ist, deren Gehirn nicht mehr im Wachstum steckt. Für Kinder – die eigentlich mehr Schutz, nicht weniger bräuchten – existieren solche Vorgaben nicht. Das ist paradox, fahrlässig und verantwortungslos. Wenn wir unsere Kinder wirklich schützen wollen, dürfen wir nicht länger schweigen. Die unbedachte Smartphone- und Tabletnutzung im Kindesalter ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine stille Epidemie, deren Folgen wir in wenigen Jahren in den Wartezimmern von Augenärzten, Hautkliniken und Kinderpsychiatern sehen werden.

Ja, ich möchte etwas spenden!