BUND Veranstaltung zum „Digital Cleanup Day“

Vortrag „Digitalisierung, Smart City, Smartphone und das Klima. Der digitale Hype und seine Risiken“
Die BUND Ortsgruppe Ditzingen hat anlässlich des weltweiten „Digital Cleanup Day“ (16.3.) Peter Hensinger, Vorstand von diagnose:funk, am 13.3. zum Vortrag „Digitalisierung, Smart City, Smartphone und das Klima. Der digitale Hype und seine Risiken“ eingeladen. In seinem einstündigen Vortrag, der schriftlich vorliegt, analysiert er, warum die Digitalisierung als Geschäftsmodell der Industrie ein Brandbeschleuniger der Umweltkrisen ist und sich negativ auf Menschen und Umwelt auswirkt.
Digital Cleanup Day

Im Aufruf zum „Digital Cleanup Day“ heißt es:

„LASST UNS UNSEREN DIGITALEN MÜLL AUFRÄUMEN UND ETWAS FÜR UNSERE UMWELT TUN! Egal, ob wir bei der Arbeit sind, zu Hause ausspannen oder auf Reisen gehen, das Internet, Daten und die Cloud sind in unserem täglichen Leben allgegenwärtig. In einer Zeit, in der digitale Aktivitäten einen erheblichen Teil der globalen CO2-Emissionen ausmachen, wird es immer wichtiger, uns der Auswirkungen unserer Online-Nutzung bewusst zu werden:

 

  • Jeder gestreamte Film, jede installierte App, jede geschriebene E-Mail verursacht CO2, jedes Like hat einen Fußabdruck und die Cloud ist keine Wolke im Himmel, sondern verbraucht sehr viel Energie. Hinter dieser digitalen Leinwand stehen Rechenzentren, die kontinuierlich Unmengen an Daten verarbeiten und dabei riesige Mengen an Strom verbrauchen ... Dies unterstreicht die verborgene Umweltbelastung durch digitale Aktivitäten, bei denen Rechenzentren kontinuierlich Daten verarbeiten und erhebliche Mengen an Strom verbrauchen.

Die jährliche Emission von 900 Millionen Tonnen CO2 durch digitale Daten übertrifft sogar den Jahresausstoß von Ländern wie Deutschland. Dies betont die Bedeutung der Überprüfung unseres digitalen Energieverbrauchs, unserer Gewohnheiten und der qualitative Umgang mit Daten.“

J. Gutbier / P. Hensinger auf den BUND/NABU-Umweltschutztagen 2024Bild: diagnose:funk

Digitalisierung als Geschäftsmodell der Industrie ist ein Brandbeschleuniger der Klimakatastrophe

Mit einer Vorbemerkung leitete Peter Hensinger seinen Vortrag ein:

  • „Eines vorneweg: Wenn man den Flugverkehr und das Auto kritisiert, ihre Auswirkungen auf die Umwelt, ist man nicht gegen Flugzeuge oder Autos an sich. Man kritisiert, dass sie als Geschäfts­modelle der Industrie große Schäden anrichten und fordert Alternativen."

 

  • Man muss auch Entwicklun­gen ablehnen, z.B. den Bau von SUVs oder Inlandsflüge. So ist es auch bei Digitalisierung und Mobil­funk: wir von diagnose:funk sind nicht Gegner, sondern Kritiker. „Technik sinnvoll nutzen“ ist unser Claim.“
  • "Die Digitalisierung bringt viele Vorteile, die ihnen bekannt sind. Weil die Digitalisierung aber mit großer Geschwindigkeit ausschließlich nach Profitinteressen durchgesetzt wird, kommt das positive Potenzial, das in ihr steckt, nur bedingt zum Zuge. Wohin entwickelt sich also unsere Gesellschaft durch die Digitalisierung? Ich trage ihnen die Risiken vor. Denn ohne die Risiken zu kennen, kann man negative Entwicklungen nicht stoppen, und vor allem: auch keine Alternativen entwickeln. Die Risiken der Digitalisierung werden fast nicht kommuniziert."

Dann belegt Hensinger mit detaillierten Fakten und Grafiken im Hauptteil des Vortrages die negativen Auswirkungen der geplanten Smart Cities und der unregulierten Digitalisierung: Der Energie- und Ressourcenverbrauch explodiert. Gutachten des Wissenschaftliche Beirates für globale Umweltveränderungen der Bundesregierung (WBGU), des Umweltbundesamtes, der Technikfolgenbericht des Bundestages und die Untersuchungen des WFC (World Future Council) liefern dafür die Fakten. Die Diskussion darüber wird in der Umweltbewegung immer noch verdrängt, teilweise sogar abgelehnt. Das Narrativ, die Digitalisierung würde zum Umweltschutz beitragen und die Liebe zum Smartphone bis hin zur Sucht sind Gründe dafür.

Antennenwildwuchs - Zwölffache Bestrahlung Bild:diagnose:funk

EU-Ausschuss EWSA: "Elektromagnetische Verschmutzung"

Hensinger weist auf einen auf weiteren Aspekt hin, der den Anwesenden, wie sich in der anschließenden lebhaften Diskussion herausstellte, neu war: die wachsende elektromagnetische Umweltverschmutzung durch Mobilfunkstrahlung, vor der der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) in seiner Stellungnahme warnt und Gegenmaßnahmen fordert.

Erstaunt waren die Zuhörer über einen für sie gänzlich neuen Zusammenhang. Der explodierende Datenverkehr, der über die mobile Infrastruktur läuft, führt nicht nur zu einem steigenden Energieverbrauch der Mobilfunksendeanlagen. Die Strahlungsenergie, die sie aussenden, trifft auf Menschen, Tiere und Pflanzen und führt zu Schädigungen. Am Beispiel von Forschungsergebnissen über die Auswirkungen auf Insekten zeigt Hensinger, wie diese Strahlung Insekten schädigt, zum Artensterben beiträgt und dadurch wiederum auf die Umweltkrise zurückwirkt.

Titel:Transcript-Verlag

Smart City: Geschäfts- und Konsumfeld der IKT-Branche

In der Diskussion ging es um die Frage, wie und ob man diese „Technik sinnvoll nutzen“ kann, übrigens der Claim von diagnose:funk. Hensinger legte dar, dass es technische Alternativen gibt, um das Schädigungspotential zu minimieren oder durch neue Techniken ganz zu vermeiden. Doch für die Industrie zähle nur der Profit. Die Kommunen und der Staat sind gefordert, hier regulierend einzugreifen. Hensinger beendet den Vortrag mit der Aufforderung, kommunal zu handeln:

  • „Mit der Smart City sollen Kommunen zum Geschäfts- und Konsumfeld der IKT-Branche und in eine gigantische Überwachungszone umgebaut werden. Die Stadtplaner Bauriedl / Strüver schreiben in ihrem Buch „Smart City. Urban Studies“: "Entsprechend kann die vermeintliche Bürgerorientierung der Smart City lediglich als Tarnung von „Kauf-Mehr“ Strategien entlarvt werden“. In der Smart City kann keiner mehr ohne Smartphone und die Preisgabe seiner Daten am öffentlichen Leben teilnehmen. China und Orwell lassen grüßen. „Wenn Menschen digitale Prothesen benötigen, um BürgerInnen der Smart City zu werden, was passiert mit solchen, die diese nicht haben?“, fragen die Stadtplaner.

Die Umweltverbände müssen sich intensiv mit den Folgen des digitalen Umbaus befassen. Bisher gibt es nur von den Naturfreunden ein Positionspapier, aber noch keine praktische Politik dazu. Es dürfen sich nicht die Fehler des Autohypes mit den Stadtautobahnen der 60er Jahre wiederholen, diesmal als Digitalisierungshype für Datenautobahnen. Wir müssen deshalb fragen:

  • Gibt es eine Bürgerbeteiligung zu den Aufgaben der Ämter für Digitalisierung?
  • Wie sollen unsere Daten und die Privatsphäre geschützt werden?
  • Wird ein Bericht über den Energie- und Ressourcenverbrauch der geplanten Smart City erstellt?
  • Wird das Recht auf ein analoges Leben ohne Smartphone und der analoge Bürgerservice für alle BürgerInnen weiter garantiert?

Wir müssen und können Entwicklungen stoppen, die irreversible Schäden bei Menschen und Natur hinterlassen werden. Helfen Sie dabei mit!“

Die anwesenden BUND-Mitglieder kannten zwar das Problem, aber nicht in seinem ganzen Ausmaß und den vielen Zusammenhängen. In der lebhaften Diskussion ging es vor allem um Lösungen. Peter Hensinger bedankte sich, dass die Ortsgruppe dieses Thema aufgegriffen hat und hofft, dass der BUND insgesamt endlich begreift, dass es Bestandteil seiner Umweltschutzpolitik werden muss. 

>>> Download des Vortrages „Digitalisierung, Smart City, Smartphone und das Klima Der digitale Hype und seine Risiken“ und der >>> Power Point Präsentation

>>> Ausführliche Informationen zum Zusammenhang von Digitalisierung, Umwelt und Klima in der diagnose:funk Artikelserie

Bücher, die die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Klima und die Demokratie behandelnBüchertitel: Verlage
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