VBE-Kampagne für Tablets an Schulen: Die Brillenbranche freut sich über kurzsichtige Kinder!

Gelten BG-Schutzvorschriften für Erwachsene nicht für Kinder!?
Am 5.2.24 berichteten fast alle Medien über die Forderungen des VBE (Verband Bildung und Erziehung), Schulen zu 100% mit Tablets auszustatten. Über dieses Konjunkturprogramm werden sich nicht nur die Hersteller, sondern auch die Brillenbranche freuen. Prof. Manfred Spitzer nannte kürzlich auf einer medizinischen Tagung solche Vorschläge „vorsätzliche Körperverletzung“, keine Berufsgenossenschaft würde hier wahrscheinlich zustimmen. Denn dies führt zu einer epidemischen Kurzsichtigkeit, mit besorgniserregenden Folgen.
Auf dem Weg zur KurzsichtigkeitSeventyfour AdobeStock

"Tabletwahn" kurzsichtiger Verbandsvertreter

Der Industrieverband der Brillenindustrie Spectaris war nicht zufrieden mit der Umsatzsteigerung von nur 1,0 Prozent im Jahr 2023 auf 4,92 Milliarden Euro. Doch der Verband blicke optimistisch in die Zukunft durch die vermehrte Kurzsichtigkeit (Myopie) bei jungen Menschen, die „für einen stetig steigenden Bedarf an Brillen und Kontaktlinsen“ sorge, so die Stuttgarter Zeitung (13.01.2024). Die Ursache für den Anstieg der Kurzsichtigkeit, das sieht man in Südkorea und China, liegt an der ausufernden Bildschirmnutzung mit Tablets und Smartphones. Dort sind inzwischen weit über 80% der Jugendlichen kurzsichtig.

Völlig undifferenziert, unreflektiert und kurzsichtig forderte der Verband Bildung und Erziehung (VBE) am 5.2.2024 ( >>> PM des Verbandes, >>> Tagesschau Bericht) die Vollausstattung der Schulen mit Tablets, Smartphones und Laptops. Abgesehen von der Problematik, ab welcher Altersstufe der Einsatz digitaler Medien pädagogisch sinnvoll ist, werden damit Arbeitsgeräte gefordert, die nicht nur durch die Strahlenbelastung, sondern auch durch ihre „Unergonomie“ krank machen. Auch dem VBE ist bekannt, dass in Südkorea und China durch die Mediennutzung bis zu 90% der Kinder kurzsichtig geworden sind. Aber offensichtlich werden auch diese Folgen im „Tabletwahn“ (Prof. Klaus Zierer) verdrängt.

Prof. Manfred Spitzer

Am Ende steht Blindheit

Prof. Manfred Spitzer nannte in seinem Vortrag "Digitale Demenz und was wir dagegen tun können" auf einer medizinischen Tagung in Bad Boll im Januar 2024 die Einführung von Tablets in Kindergärten und Grundschulen eine „vorsätzliche Körperverletzung“. Die Folgen seien im Alter oder schon früher Makuladegeneration, Netzhautablösung, Glaukom („grüner Star), Katarakte („grauer Star“). „Zusammengenommen zeigen die Daten deutlich, dass Myopie weithin eine unterschätzte globale Herausforderung für das Sehen ist“, so Spitzer, es würden wissentlich viele spätere Blinde in Kauf genommen. In seinem Artikel "Digitalisierung in Kindergarten und Grundschule schadet der Entwicklung, Gesundheit und Bildung von Kindern" beschreibt Prof. Spitzer die Folgen der Kurzsichtigkeit.

Die in der Fachzeitschrift „Augenspiegel“ von Dr. Roth (Ulm) veröffentlichte Untersuchung weist zudem nach, dass die Strahlenbelastung durch das Handytelefonieren zu Katarakten führt. Aus diesen beiden Gründen müssten kleine Bildschirme von Smartphones, Tablets und Laptops als augenschädigende Arbeitsgeräte verboten werden.

Epidemische Kurzsichtigkeit junger Menschen stimmt Optiker optimistischPoropter, Bild Wikipedia

Regelungen für Erwachsene - nicht jedoch für Kinder!

In Betrieben gelten strenge Regeln für die Arbeitsplatzgestaltung der Büroarbeit, so zum Beispiel für die Größe der Bildschirme, ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes, Erholungspausen für die Augen. Dies wird bei der Einführung von Tablets an Schulen schlichtweg  ignoriert. Die Leitlinie Bildschirmmedien, herausgegeben von 11 Fachverbänden, weist auf diesen nicht beachteten Widerspruch hin:

 

 

  • „Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass digitaler Unterricht dieselben Beschwerdebilder mit sich bringt wie die klassische Büroarbeit bzw. Bildschirmtätigkeit: Kopfschmerzen, Nervosität, Reizbarkeit, muskeloskelettale Erkrankungen und Erkrankungen der Augen. Ein großer Teil der Kinder verfügt über keinen Zugang zu umfassend ausgestatteten PC-Arbeitsplätzen und folgt somit dem digitalen Unterricht auf mobilen Endgeräten. Nicht zuletzt, weil viele Schulen zur Sicherstellung des digitalen Unterrichts dazu übergegangen sind, Tablets in großen Mengen zu kaufen oder von der Industrie als Geschenk entgegen zu nehmen, und als Leihgeräte an Schüler auszugeben. Diese Entwicklung ist bedenklich, da die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aufgrund der erhöhte Risiken physischer Beanspruchung dazu rät, Tablets und Smartphones nur kurzzeitig zu nutzen“ (LL S.17).

Der Umweltreferent der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) Dr. Heinz Fuchsig schrieb uns:

  • „Solange die Tablets flach am Tisch liegen, führt das durch Kopfbeugung auch zu Nackenverspannungen und Kopfschmerzen (zu 60% Verspannungs-Kopfschmerzen) – der häufigsten Beschwerde von Schüler:innen neben Müdigkeit (die ja teilweise auch dem Blaulichtkonsum und Bewegungsmangel vor dem Schlaf geschuldet ist). „Erhobenen Hauptes“ geht dann gar kein Schüler mehr nach Hause, sondern gesenkten Hauptes, weil er gar nicht mehr anders kann. Alles im wahrsten Sinn des Wortes sehr kurzsichtig!“

Berufsgenossenschaften schützen Angestellte - sind Kinder Freiwild für die IT-Lobby?

Die Schlussfolgerung daraus muss sein: Smartphones, Tablets und Laptops dürfen auch aus ergonomischen Gründen keine Lernmittel sein, für die Arbeit an PCs müssen Arbeitsschutzrichtlinien speziell für Kinder erlassen werden. Ab dem 14. Lebensjahr, dafür plädieren Pädagogen, Mediziner und Neurobiologen, ist der Einsatz digitaler Medien an Schulen sinnvoll. Aber dann bitte in gut ausgestatteten Arbeitsräumen mit großen Monitoren, die ergonomische Standards erfüllen, so wie es die Berufsgenossenschaften in ihren >>> Merkblättern vorschreiben.

Grafiken: Berufsgenossenschaft Holz und Metall
Artikel veröffentlicht:
06.02.2024
Artikel aktualisiert:
08.02.2024
Autor:
diagnose:funk
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