diagnose:funk Arbeitspapier 3: Nicht-thermische Wirkungen der Mobilfunkstrahlung

Europäischer Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) fordert Berücksichtigung nicht-thermischer Effekte
Seit Jahrzehnten gibt es eine unterschiedliche Auslegung von Forschungsergebnissen zur nicht-ionisierenden Strahlung des mobilen Funks. Regierungen und Wissenschaftler, die den ICNIRP-Richtlinien folgen und nur die thermischen Wirkungen der Mobilfunkstrahlung anerkennen, halten sie für risikolos. Sie klammern aus der Risikobewertung hunderte Studien, die nicht-thermische Wirkungen nachweisen, aus. Sie sind mit ihrer Argumentation zunehmend in der Defensive. Unser Arbeitspapier dokumentiert 70 Studien, die nicht-thermische Wirkungen nachweisen.
Bastion des thermischen Dogmas

>>> Arbeitspapier 03: Nicht-thermische Wirkungen nicht-ionisierender Strahlung

Es ist ein Hauptargument der Industrie und des Bundesamtes für Strahlenschutz: Nur die Wärmewirkung der Mobilfunkstrahlung sei schädlich. Und davor würden die Grenzwerte schützen. Alle Forderungen nach strengeren Schutzvorschriften werden mit dem Hinweis, nicht-thermische Wirkungen würden keine Schädigungen hervorrufen, abgeblockt. Die Bundesregierung schreibt im „Zehnten Emissionsminderungsbericht“ (2023):

 

 

  • „Maßgeblich für die Beurteilung von möglichen gesundheitlichen Auswirkungen von HF EMF ist nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand weiterhin die Gewebeerwärmung ... Im Bereich niedriger Intensitäten von HF EMF konnten gesundheitliche Beeinträchtigungen infolge nicht-thermischer Wirkungen in jahrzehntelanger Forschung bisher wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden.“ Die Schlussfolgerung:  „Der aktuelle wissenschaftliche Kenntnisstand gibt insgesamt keinen Anlass, die Schutzwirkung der bestehenden Grenzwerte in Zweifel zu ziehen“ (Drucksache 20/5600).

Auf diesem thermischen Dogma beruhen die Richtlinien der Internationalen Kommission zum Schutz vor nicht-ionisierender Strahlung (ICNIRP) und die Strahlenschutzpolitik in den westlichen Ländern. Im ehemaligen Ostblock beruhte die Gesetzgebung und Festlegung von Schutzmaßnahmen auch auf nicht-thermischen Wirkungen. Das erklärt, warum deren Grenzwerte um ein bis zu 500-Faches niedriger als im Westen sind (>>> diagnose:funk Dokumentation der Strahlenschutz-Gesetzgebung in der ehem. DDR). Die Nichtanerkennung nicht-thermischer Wirkungen im Westen hat eine politische Funktion: Sie soll den ungehinderten Ausbau der Mobilfunktechnologie ermöglichen.

Inhalt Arbeitspapier: Nicht-thermische Wirkungen nicht-ionisierender Strahlung 

  • Die militärische Grundlage heutiger Schutzvorschriften: Das thermische Dogma ... S. 1-4
  • Thermische und nicht-thermische Wirkungen bei Absorption von NF-/HF-EMF
  • Mobilfunkstrahlung ist kohärent, polarisiert und gepulst
  • Studien, die nicht-thermische Wirkungen nachweisen
  • Das Bundesamt für Strahlenschutz hält am thermischen Dogma fest
  • Die Kritik am thermischen Dogma und den davon abgeleiteten Grenzwerten durch die International Commission on Biological Effects of EMF (ICBE-EMF)
  • Studien, die nicht-thermische Wirkungen nachweisen ... S. 5-16

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Bild: Steneck

Diese Montage zeigt die Konfrontation in den 50er- bis 70er Jahren in den USA zwischen Dr. Herman P. Schwan (rechts) als Vertreter des thermischen Dogmas und dem Wissenschaftler Alain Frey, der wie die „Russen“ die Anerkennung nicht-thermischer Wirkungen einforderte (aus Steneck „The Microwave Debate“, MIT Press 1984). Unter der Montage heißt es: "Einige Wissenschaftler glauben, das Risiko sei klein. Andere, auch die Russen, glauben, dass es schwerwiegend sein könnte. Wissen sie etwas, was wir nicht wissen?"

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Der argumentative Eiertanz der Behörden

Die Frage, ob es nicht-thermische Wirkungen gibt, ist durch die Studienlage entschieden. Wir dokumentieren in diesem Arbeitspapier eine Auswahl von 70 Studien. Sie zeigen, wie Zellkaskaden verändert werden und zu pathologischen Effekten führen. Die Anerkennung dieser Wirkungen müsste, wie in den Ländern des ehemaligen Ostblocks, zu schärferen Sicherheitsbestimmungen und neuen Grenzwerten führen. Deshalb vollführen die Behörden zur Abwehr besserer Schutzvorschriften einen Eiertanz und sind argumentativ auf Grund der Studienlage auf dem Rückzug. Zunächst behaupteten sie, solche nicht-thermischen Effekte seien prinzipiell nicht möglich, die Wirkung der Strahlung würde im thermischen Rauschen untergehen.[1] Auf Grund vieler Studien mussten sie dann zugeben, dass es diese nicht-thermischen Wirkungen gibt. Nun werden diese heruntergespielt: Sie hätten aber keine gesundheitsschädlichen Auswirkungen. Deshalb müssten sie in die Risikobewertung nicht einbezogen werden. Mit welchen Strategien und Dimensionen so Studienergebnisse ignoriert werden, dokumentiert Starkey (2016) in ihrer Untersuchung.

Grafik: diagnose:funk, ICBE-EMF

Am Schluss des Vorworts des Arbeitspapieres heißt es:

Auf Grund der Monopolposition der ICNIRP bei der Interpretation der Studienlage, ihrer Festlegung der Grenzwerte, Verflechtung mit der Industrie und den Behörden gründete sich 2022 die International Commission on Biological Effects of EMF (ICBE-EMF), die in ihrem Artikel anhand von 14 Punkten nachweist, dass die ICNIRP-Grenz­werte unwissenschaftlich, ohne Schutzfunktion sind und deshalb neue Grenzwerte erforderlich sind.[2] Diese Position wird gestützt durch die Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses (EWSA) im Amtsblatt der EU vom März 2023.[3] Der EWSA fordert die Anerkennung der Gesamtstudienlage, die Ersetzung der ICNIRP durch ein unabhängiges Gremium & neue Richtlinien mit der Maßgabe: 

„Besonderes Augenmerk sollte den nicht-thermischen Effekten gelten (1.11.)“[4]

 

Weitere diagnose:funk Arbeitspapiere auf unserem >>> Kompass Studienlage

Im  Arbeitspapier 01, das kontinuierlich aktualisiert wird, wird der Stand der Forschung zusammengefasst. Dieses Papier ist das zentrale Dokument, das alle Initiativen und Aktiven als Argumentationsgrundlage kennen sollten.

Im Arbeitspapier 02 "Mobilfunk und Krebsinzidenzen - ein Überblick"  werden folgende Fragen behandelt: Wie ist der aktuelle Forschungsstand zum Krebsrisiko? Wenn die Studien, die ein Krebs auslösendes und Krebs promovierendes Potenzial nachweisen, stimmen würden, müsste sich dies in erhöhten Krebsinzidenzen in der Bevölkerung zeigen! Was sagen die Krebsstatistiken?

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Statement von Prof. Michael Kundi (Medizinische Universität Wien) zu nicht-thermischen Wirkungen

Quellen

[1] So schrieben im Jahr 2010 zwei damals führende und bis heute einflussreiche Mitglieder deutscher Strahlenschutzgremien: „Aus biophysikalischen Gründen ist nicht zu erwarten, dass neben thermischen Effekten, die durch die Grenzwerte ausgeschlossen werden, bislang nicht bekannte Wirkmechanismen identifiziert werden.“ (www.hausarzt-online.at, 1.12.2010)

[2] ICBE-EMF (2022): „Wissenschaftliche Erkenntnisse entkräften gesundheitliche Annahmen, die den Grenzwertbestimmungen für Hochfrequenzstrahlung der FCC (Federal Communication Commission, USA) und der ICNIRP zugrunde liegen: Folgen für 5G“, www.diagnose-funk.org/1937

[3] Download der Stellungnahme: www.diagnose-funk.org/1828

[4] EWSA-Dokumente auf: www.diagnose-funk.org/1828

Publikation zum Thema

Format: A4Seitenanzahl: 12 Veröffentlicht am: 24.02.2017 Bestellnr.: 590Sprache: DeutschHerausgeber: umwelt・medizin・gesellschaft / 3/2016

Polarisation

Ein wesentlicher Faktor für das Verständnis biologischer Effekte von gepulsten elektromagnetischen Wellen niedriger Intensität
Autor:
Dr. Klaus Scheler
Inhalt:
Der Physiker Klaus Scheler erläutert in einer Beilage für die Zeitschrift umwelt-medizin-gesellschaft die Bedeutung der im Scientific Report 2015 erschienen Studie von Panagopoulos et al.. Sie weist einen Wirkmechanismus nach. Die Polarisation, also die feste Schwingungsrichtung des elektrischen Feldvektors der Welle, ist ein entscheidender Faktor für das Verständnis von biologischen Effekten elektromagnetischer Strahlung niedriger Intensität.
diagnose:funk
Format: A4Seitenanzahl: 36 Veröffentlicht am: 01.02.2023 Bestellnr.: 249Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

ICBE-EMF: Die Zeit ist reif für neue Grenzwerte

Die neu gegründete Grenzwertkommission weist die Unwissenschaftlichkeit der geltenden ICNIRP-Grenzwerte für Mobilfunkstrahlung nach
Autor:
ICBE-EMF / diagnose:funk
Inhalt:
Dieser Brennpunkt publiziert die Übersetzung der Studie der internationalen Grenzwertkommission ICBE-EMF (International Commission on the Biological Effects of EMF) „Wissenschaftliche Erkenntnisse entkräften gesundheitliche Annahmen, die den FCC (Federal Communication Commission, USA) und ICNIRP-Grenzwertbestimmungen für Hochfrequenzstrahlung zugrunde liegen: Folgen für 5G“ (2022). Darin fordert die ICBE-EMF die Rücknahme und Neufestlegung der Grenzwerte für die Exposition gegenüber hochfrequenter Funkstrahlung (HF). Die Rücknahme der Grenzwerte ist notwendig, denn ihre Festlegung beruht auf falschen Annahmen. Das Ziel neuer Grenzwerte wäre die Festlegung von Standards zum Gesundheitsschutz für Arbeitnehmer, die Öffentlichkeit und die Natur.
Format: A4Seitenanzahl: 16 Veröffentlicht am: 08.02.2017 Bestellnr.: 233Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Studie weist nach, wie Grenzwerte scheinwissenschaftlich legitimiert werden

Mobilfunk-Grenzwerte entzaubert
Autor:
Sarah J. Starkey / diagnose:funk
Inhalt:
Der neue diagnose:funk 'Brennpunkt' behandelt die Studie "Fehlerhafte offizielle Bewertung der Sicherheit von Funkstrahlung durch die Beratergruppe für nicht-ionisierende Strahlung" (2016) von S. J. Starkey und liegt in deutscher Übersetzung vor. Die Studie zeigt am Beispiel des AGNIR-Berichtes (Advisory Group On Non-ionising Radiation, Großbritannien), mit welchen Methoden eine Rechtfertigung der Grenzwerte zusammengezimmert und manipuliert wird. Ergänzung: Die Beratergruppe AGNIR wurde im Mai 2017 aufgelöst. In England gab es so gut wie keine Berichterstattung darüber. Am 17.10.2018 hat das Investigativ-Portal http://truepublica.org.uk diese heimliche Abwicklung aufgedeckt. Siehe unten stehende Links zum englischen Artikel und zur Online-Übersetzung.
diagnose:funk
Format: A4Seitenanzahl: 16 Veröffentlicht am: 12.01.2023 Bestellnr.: 250Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Die Auseinandersetzung um die Deutungshoheit zu Risiken der Mobilfunkstrahlung

Über Kampagnen eines Kartells von Industrie, Bundesamt für Strahlenschutz und ICNIRP
Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Ob Mobilfunkstrahlung gesundheitsschädlich ist oder nicht, darüber wird nicht nur eine Wissenschaftsdebatte über Ergebnisse der Forschung geführt. Bei dieser Debatte geht es auch und vor allem um Produktvermarktung, in diesem Fall um das Milliardengeschäft einer Schlüsselindustrie. Dieser brennpunkt dokumentiert die Auseinandersetzung. Im Jahr 2022 gab es vier Entwarnungskampagnen, basierend auf vier Studien mit der Botschaft: Mobilfunkstrahlung ist unbedenklich für die Gesundheit, ein Krebsrisiko besteht nicht. Das beweise die MOBI-Kids-Studie, die bisher weltweit größte Studie zu Hirntumoren und Kinder. Mit der UK-Million Women Studie liege auch der Beweis für Erwachsene vor. In einem von ICNIRP-Mitglied Prof. M. Röösli verfassten Artikel zu 5G in der Zeitschrift Aktuelle Kardiologie bekamen gezielt Mediziner diese Botschaft übermittelt. Abgeordneten des deutschen Bundestages wird vom deutschen Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und dem Umweltministerium mitgeteilt, die STOA-Studie, die Schädigungen zu Krebs und Fertilität auswertet, sei unwissenschaftlich. Diagnose:funk nahm zu allen diesen Meldungen Stellung.
Artikel veröffentlicht:
05.12.2023
Autor:
diagnose:funk
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