Neuer Brennpunkt: Die Auseinandersetzung um die Deutungshoheit zu Risiken der Mobilfunkstrahlung

Über Kampagnen eines Kartells von Industrie, Bundesamt für Strahlenschutz und ICNIRP
Im Jahr 2022 gab es vier Medienkampagnen mit der Botschaft: Mobilfunkstrahlung ist für Kinder und Erwachsene kein Gesundheitsrisiko. diagnose:funk weist in diesem Brennpunkt nach, dass mit diesen Kampagnen die Bevölkerung desinformiert wurde und deckt die Taktiken der Manipulation auf.
Brennpunkt diagnose:funk

Ob Mobilfunkstrahlung gesundheitsschädlich ist oder nicht, darüber wird nicht nur eine Wissenschaftsdebatte über Ergebnisse der Forschung geführt. Bei dieser Debatte geht es auch und vor allem um Produktvermarktung, in diesem Fall um das Milliardengeschäft einer Schlüsselindustrie. Der Brennpunkt um die Deutungshoheit zu Risiken der Mobilfunkstrahlung dokumentiert in fünf Analysen, wie für die Produktvermarktung Forschungsergebnisse manipuliert und zur Desinformation der Bevölkerung instrumentalisiert werden:

 

  • 1. Die Abwertung der Ergebnisse der STOA-Studie
  • 2. Die Fehlinterpretation der MOBI-Kids Studie
  • 3. Die Fehlinterpretation der UK-Million Women Studie
  • 4. Die Desinformation der Ärzteschaft durch den 5G-Artikel des ICNIRP-Vertreters Prof. M. Röösli
  • 5. Die Taktiken der Industriepropaganda

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>>> Download Anhang I: Vertiefende Analysen zu den Studien und zur Industrietaktik von Peter Hensinger, Klaus Scheler und David Michaels

>>> Download Anhang II: Ingo Leipner / Joachim Stall (2021): Chronik eines Rufmords, Kapitel aus dem Buch „Moderne Rattenfänger“, Redline Verlag. Eine Darstellung des Falles Alexander Lerchl vs. REFLEX-Studie / Prof. Franz Adlkofer

>>> Hinweis: Zu diesem Brennpunkt findet am 10.02.2023 um 19:30 Uhr das WEBINAR 24 statt.

Badische Zeitung

"Uns beunruhigt diese Diskussion sehr ..."

Risiko Mobilfunk? Geradezu klassisch ist das Statement zur Mobilfunk-Studienlage von Telefónica-Chef Markus Haas:

  • „Uns beunruhigt diese Diskussion sehr, weil sie faktenfrei ist. Es gibt keinerlei wissenschaftlich fundierte Studien, die auch nur irgendeine Gesundheitsgefährdung sehen“.[1]

Um diese Meinung zur öffentlichen Meinung werden zu lassen, v.a. um den schnellen 5G Ausbau zu rechtfertigen, wurde zunächst im Jahr 2020 die Kampagne der Bundesregierung "Deutschland spricht über 5G" gestartet.[2] Eine zweite Entwarnungswelle wurde im ersten Halbjahr 2022 als Medienkampagne inszeniert, basierend auf vier Studien (s.o.1-4) mit der Botschaft: Mobilfunkstrahlung ist unbedenklich für die Gesundheit, ein Krebsrisiko besteht nicht. Diese Entwarnungswelle wurde getragen vom Bundesamt für Strahlenschutz, der Bundesregierung, der ICNIRP, der dpa, konzipiert von der Werbeagentur Scholz & Friends.

Grafik: diagnose:funk

Reaktion auf die aktuelle Studienlage

Diese Kampagne war offensichtlich eine Reaktion auf zwei Faktoren.

1. Der erste Faktor für diese Entwarnungskampagne ist der Rechtfertigungsdruck durch neue Studienergebnisse, die Gesundheitsrisiken nachweisen. Im Jahr 2021 veröffentlichte der Technikfolgenausschuss des Europäischen Parlaments die STOA-Studie „Health impact of 5G“ mit dem Ergebnis: Mobilfunkstrahlung schädigt die Gesundheit, das mache eine Schutz- und Vorsorgepolitik zwingend notwendig.[3] Die Ergebnisse neuester Einzelstudien, der US-amerikanischen NTP-, der italienischen Ramazzini- und der österreichischen AUVA-Studien sind eindeutig: Mobilfunkstrahlung kann Krebs auslösen. Die Metaanalyse von Choi et al. (2020) bestätigt, dass für Vielnutzer -17 Minuten tägliche Handynutzung über 10 Jahre - signifikante Beweise für eine erhöhtes Tumorrisiko vorliegen.[4]

Zu den möglichen Auswirkungen von Mobiltelefonen auf die Spermienqualität führte ein Forscherteam unter der Leitung von Professor Yun Hak Kim von der Pusan National University, eine Meta-Analyse durch, die Spermienschädigungen nachweist. Der systematische Review von Balmori (2022) in der Zeitschrift führte zum Ergebnis, dass Menschen, die in der Nähe von Mobilfunk- Basisstationen leben, Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind.[5]

Im Fazit des bisher größten Reviews zu oxidativem Zellstress / ROS (Freie Radikale, Reactiv Oxygen Species) von Schürmann/Mevissen (2021) schlussfolgern die Autoren, dass dieser Wirkmechanismus nachgewiesen und damit die Strahlung Ursache entzündlicher Erkrankungen sein kann.[6]

diagnose:funk dokumentiert die Studienlage auf der Datenbank www.emfdata.org, im ElektrosmogReport und mit einer Liste von 120 Reviews. Auch die BioInitiative Gruppe dokumentiert die Risiken in ihren Summaries. Das stellt die Deutungshoheit des Bundesamtes für Strahlenschutz in Frage.

Dass aus EU-Gremien seit 2020 Forderungen nach einer Schutzpolitik kommen, führte bei Industrie und BfS wohl zu  besonderer Nervosität. So veröffentlichte im März 2022 der Wirtschafts- und Sozialausschuss der Europäischen Union (EWSA) im Amtsblatt der EU (04.03.2022) eine Stellungnahme, in der aus der Studienlage und der Debatte darum Konsequenzen für eine Strahlenschutzpolitik und neue Grenzwerte gezogen werden.[7]

diagnose:funk hat in einem Impulsvortrag die aktuelle Studienlage zusammengefasst.

2. Der zweite Faktor: Diese Studienlage führte auch dazu, dass landesweit Bürgerinitiativen entstehen, die sich mit fundierten Argumenten gegen den Aufbau von Mobilfunkmasten wehren. Die Umfragen des Bitkom und des BfS ergaben, dass unter der Bevölkerung weiterhin eine große Besorgnis über Strahlungsrisiken vorhanden ist (15).[8]

Mit einer Medienoffensive wurde ab Anfang 2022 auf diese zwei Faktoren - zunehmend beweiskräftigere Studienergebnisse und Bürgerprotest - reagiert, um v.a. auf die Zielgruppen Eltern, Ärzte und Politiker einzuwirken. Die Entwarnungsmeldungen wurden fast flächendeckend von den Medien übernommen, auch von großen Medizinportalen.

Diese Reaktion zeigt die wichtige Rolle von diagnose:funk durch seine Dokumentation der Forschung und der Auseinandersetzung mit den Versuchen, Forschungsergebnisse zu ignorieren oder falsch darzustellen. diagnose:funk setzte sich mit dieser Propagandawelle ausführlich auseinander. Die gesamte Auseinandersetzung ist dokumentiert auf unserer Homepage: www.diagnose-funk.org/1866

Quellen

[1] https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/uns-beunruhigtdie-faktenfreie-diskussion-uber-5g-7343332.html

[2] diagnose:funk Artikelserie zur Kampagne der Bundesregierung: https://www.diagnose-funk.org/1657

[3] Download der Studie auf: https://www.diagnosefunk.org/1789

[4] NTP (2018a): NTP Technical Report on the toxicology an carcinogenesis in Hsd: Sprague Dawley SD Rats exposed to whole-body radio frequency radiation at a Frequency (900 MHz) an modulations (GSM an CDMA) used by cellphones, https://ntp.niehs.nih.gov/ntp/about_ntp/trpanel/2018/march/tr595peerdraft.pdf

NTP (2018b): NTP Technical Report on the toxicology an carcinogenesis in B6C3F1/N MICE exposed to whole-body radio frequency radiation at a Frequency (1,900 MHz) and modulations (GSM AND CDMA) used by cellphones, https://ntp.niehs.nih.gov/ntp/about_ntp/trpanel/2018/march/tr596peerdraft.pdf

Falcioni L et al.(2018): Report of final results regarding brain and heart tumors in Sprague-Dawley rats exposed from prenatal life until natural death to mobile phone radiofrequency field representative of a 1.8 GHz GSM base station environmental emission. Environ Res 2018; 165: 496-503

ATHEM-2 (2016): Untersuchung athermischer Wirkungen elektromagnetischer Felder im Mobilfunkbereich, AUVA Report-Nr.70; Hrsg. Allgemeine Unfallversicherungsanstalt, Österreich

Choi et al. (2020): Cellular Phone use und Risk of Tumor: Systematic Review and Meta-Analysis, International Journal of Environmental Research and Public Health, 2020, 17, 8079:

  • "In sum, the updated comprehensive meta-analysis of casecontrol studies found significant evidence linking cellular phone use to increased tumor risk, especially among cell phone users with cumulative cell phone use of 1000 or more hours in their lifetime (which corresponds to about 17 min per day over 10 years), and especially among studies that employed high quality methods."

siehe auch: https://www.diagnose-funk.org/1635

[5] https://www.diagnose-funk.org/1891

[6] https://www.diagnose-funk.org/1692

[7] Alles zu der EWSA-Stellungnahme auf https://www.diagnose-funk.org/1828

[8] Bitkom veröffentlicht Umfrage und erbittet staatliche Hilfe: https://www.diagnose-funk.org/aktuelles/1554, https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Studiezur-Akzeptanz-von-Mobilfunkmasten

Publikation zum Thema

diagnose:funk
Format: A4Seitenanzahl: 16 Veröffentlicht am: 12.01.2023 Bestellnr.: 250Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Die Auseinandersetzung um die Deutungshoheit zu Risiken der Mobilfunkstrahlung

Über Kampagnen eines Kartells von Industrie, Bundesamt für Strahlenschutz und ICNIRP
Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Ob Mobilfunkstrahlung gesundheitsschädlich ist oder nicht, darüber wird nicht nur eine Wissenschaftsdebatte über Ergebnisse der Forschung geführt. Bei dieser Debatte geht es auch und vor allem um Produktvermarktung, in diesem Fall um das Milliardengeschäft einer Schlüsselindustrie. Dieser brennpunkt dokumentiert die Auseinandersetzung. Im Jahr 2022 gab es vier Entwarnungskampagnen, basierend auf vier Studien mit der Botschaft: Mobilfunkstrahlung ist unbedenklich für die Gesundheit, ein Krebsrisiko besteht nicht. Das beweise die MOBI-Kids-Studie, die bisher weltweit größte Studie zu Hirntumoren und Kinder. Mit der UK-Million Women Studie liege auch der Beweis für Erwachsene vor. In einem von ICNIRP-Mitglied Prof. M. Röösli verfassten Artikel zu 5G in der Zeitschrift Aktuelle Kardiologie bekamen gezielt Mediziner diese Botschaft übermittelt. Abgeordneten des deutschen Bundestages wird vom deutschen Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und dem Umweltministerium mitgeteilt, die STOA-Studie, die Schädigungen zu Krebs und Fertilität auswertet, sei unwissenschaftlich. Diagnose:funk nahm zu allen diesen Meldungen Stellung.
Januar 2022Format: A4Seitenanzahl: 12 Veröffentlicht am: 18.01.2022 Bestellnr.: 247Sprache: deutschHerausgeber: diagnose:funk

Wie die Telekommunikationsindustrie die Politik im Griff hat


Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
diagnose:funk legt in diesem Brennpunkt eine Recherche zur Lobbyarbeit der Mobilfunkindustrie und BITKOM-Branche zur Digitalisierung vor, basierend auf der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE „Beziehungen von Telekommunikationsunternehmen zur Bundesregierung“ (Bundestagsdrucksache 18/9620, 13.09.2016). Sechs Grafiken verbildlichen die Verflechtungen. Politisch eingeordnet wird diese Analyse auf Grund eigener Erfahrungen mit Besuchen bei Bundestagsabgeordneten und dem neuen Buch „Lobbyland. Wie die Wirtschaft unsere Demokratie kauft“ (2021) des ehemaligen Dortmunder SPD-Abgeordneten Marco Bülow über seine 18-jährigen Erfahrungen im Bundestag und weiteren Literaturrecherchen.
April 2020Format: 10 Seiten / A4Veröffentlicht am: 03.04.2020 Bestellnr.: 240Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Der Kausalitäts-Betrug

Was die Mobilfunkdiskussion mit Alkohol, einem Affen und Kater zu tun hat- eine Auseinandersetzung mit Positionen des Bundesamtes für Strahlenschutz.
Autor:
Jörn Gutbier/Peter Hensinger
Inhalt:
Warum vertritt das Bundesamt für Strahlenschutz trotz der Studienlage, dass es keine Beweise für die Gesundheitsschädlichkeit der Mobilfunkstrahlung gibt? Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Kernargument des Bundesamtes für Strahlenschutz, der Kausalität als Kriterium für eine Schutzpolitik. Ausnahmslos alle vorliegenden Studien, so begründet es das Bundesamt für Strahlenschutz, hätten bisher keinen kausalen Zusammenhang zwischen Strahlungseinwirkung und Zellschädigungen nachweisen können. Deshalb brauche es auch keine Schutzpolitik. Korrelationen oder Indizien reichten dafür nicht aus. Warum diese Kausalitätstheorie, die wissenschaftlich logisch erscheint, unwissenschaftlich ist, dem Vorsorgeprinzip widerspricht und in der Konsequenz Geschäftsmodelle der Industrie rechtfertigt, damit setzt sich der Brennpunkt auseinander.