Schweizer Ärzte und EMF

Befragung von Allgemeinmedizinern zu EMF und Gesundheit >>> [301 KB]
Der Schlussbericht zu dem vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) geförderten Projekt liegt nun vor. Durch die Befragung sollten Informationsstand, Einstellung, Bedürfnisse und Erfahrungen von Allgemeinärzten in Zusammenhang mit EMF in Erfahrung gebracht werden. Laut der Befragung "glauben 61 Prozent (95%-Konfidenzintervall: 56-66%) der Ärzte, dass es Personen gibt, bei denen Gesundheitsbeschwerden durch EMF ausgelöst werden".

Zusammenfassung

HINTERGRUND UND ZIEL Ärzte spielen eine wichtige Rolle in der Diskussion um mögliche gesundheitliche Wirkungen von elektromagnetischen Feldern (EMF). Allgemeinärzte sind häufig die ersten Ansprechpersonen für Personen, die ihre Gesundheitsprobleme auf EMF zurückführen. Zudem erwartet die Öffentlichkeit von Ärzten und Ärztinnen eine kompetente Einschätzung zu möglichen gesundheitliche Risiken durch EMF. Hauptziel der Studie ist es, systematisch zu erheben wie sich das Thema EMF in der Arztpraxis darstellt und wie die Ärzteschaft die Problematik einschätzt.

METHODIK Zielgruppe der Befragung sind Ärztinnen und Ärzte, die eine Praxistätigkeit im Bereich der Grundversorgung ausüben. Im Mai und Juni 2005 wurden Hausärzte aus der deutsch- und französischsprachigen Schweiz telefonisch befragt. Die Ausschöpfungsquote lag bei 28%. Damit resultierten 342 Interviews.

RESULTATE 61 Prozent (95%-Konfidenzintervall: 56-66%) der Ärztinnen und Ärzten "glauben, dass es Personen gibt, bei denen Gesundheitsbeschwerden durch elektromagnetische Felder ausgelöst werden". Als typische Beschwerden wurden hauptsächlich unspezifische Gesundheitssymptome genannt wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Erschöpfung oder Nervosität. Rund 14 Prozent hat bei eigenen Gesundheitsbeschwerden schon einmal "EMF als Ursache in Betracht gezogen". 43% sind der Meinung, dass die schweizerischen Behörden nicht genug unternehmen, um die Bevölkerung vor potentiell schädlichen Einflüssen von elektromagnetischen Feldern zu schützen.

Bei 69 Prozent (95%-K.I.: 64-74%) der befragten Ärztinnen und Ärzte sind mindestens einmal gesundheitliche Wirkungen von elektromagnetischen Feldern bei einer Konsultation zur Sprache gekommen. Besonders häufig war dies bei Personen mit komplementärmedizinischen Fähigkeitsausweis der Fall (97%). Der Zusammenhang zu EMF wurde in den meisten Fällen vom Patient bzw. Patientin hergestellt (77%). Die Ärzteschaft beurteilte den Zusammenhang jedoch in 54% der Fälle als plausibel. Zur letzten aufgetretenen EMF-Konsultation wurden detaillierte Daten erhoben. Dabei zeigte sich, dass es sich in der Mehrzahl der 237 Konsultationen um unspezifische Gesundheitssymptome handelte. Am häufigsten wurden Mobilfunkbasisstationen (33%), Hochspannungsleitungen (14%) oder die Mobiltelefonbenützung (9%) als Ursache in Betracht gezogen. Die Hausärzte beurteilten tendenziell Gesundheitsbeeinträchtigungen durch lokale Expositionsquellen in Körpernähe (Mobiltelefon, elektrische Geräte, Schnurlostelefone) als plausibler als Effekte durch Hochspannungsleitungen und Mobilfunkbasisstationen. Eine systematische Analyse der Fälle zeigte keine auffällige Muster in den klinischen Beobachtungen, die als Ausgangspunkt für weitere systematische Untersuchungen prädestiniert wären. Am häufigsten (48%) haben die Ärztinnen und Ärzte eine Expositions-fokussierte Massnahme geraten (EMF beseitigen oder abklären lassen). Zusätzlich wurden symptomatische Behandlungen (z.B. medikamentös) oder psychiatrisch/psychosomatische Therapien angewendet. Der Erfolg wurde bei allen Massnahmen etwa gleich hoch eingeschätzt: Rund 40% der Patienten erlebten eine Verbesserung der Beschwerden.

Die Mehrzahl der Befragten (53%) erachten die Schaffung einer spezialisierten Beratungsstelle für solche Konsultationen als sinnvoll. 75% der Hausärzte gaben an, dass sie für ihre ärztliche Tätigkeit einen Bedarf an weiterer Information zur Thematik haben. Am häufigsten wurden unabhängige wissenschaftliche Artikel in medizinischen Fachzeitschriften gewünscht. Vom BAG wünscht sich die Mehrheit der Befragten (69%) mehr Information. Die meisten stellten sich dabei das BAG als eine Art Filter vor: Informationen sollen gesammelt, zusammengestellt und verfügbar gemacht werden.
22% der Befragten sind der Meinung, dass das BAG die Aufgabe habe, Forschung zu initiieren oder selber durchzuführen. Die Mehrheit der Ärzte wünscht mehr Forschung zu EMF. Forschungsempfehlungen zielten primär in Richtung qualitativ hochstehende Studien. Es wurde jedoch für keinen einzelnen Gesundheitseffekt auffällig häufig Forschungsbedarf empfohlen.

DISKUSSION UND SCHLUSSFOLGERUNGEN Die vorliegende Studie liefert Hinweise dafür, dass Hausärzte das Thema elektromagnetische Felder und Gesundheit heterogen einschätzen. Auf der einen Seite vermutet eine Mehrheit der Befragten gesundheitsschädigende Wirkungen durch elektromagnetische Felder wie sie im Alltag vorkommen. Auf der anderen Seite wurde auch gesagt, dass EMF nicht zu den dringendsten Problemen in der hausärztlichen Tätigkeit gehören. Zudem ist die relativ tiefe Ausschöpfungsquote von 28 Prozent ein Indikator dafür, dass das Thema bei einem Teil der Ärzteschaft auf kein Interesse stösst. Vertiefte Analysen lieferten Hinweise, dass aufgrund der relativ geringen Ausschöpfungsquote EMF-kritische Ansichten bei dieser Erhebung im Vergleich zur gesamten Ärzteschaft etwas übervertreten sind. Nichtsdestotrotz fällt die grosse Diskrepanz zwischen der ärztlichen und der wissenschaftlichen Bewertung des Phänomens auf. Die kritische Haltung der Ärzte scheint weniger in der einschlägigen Praxiserfahrung begründet zu sein, als in einer grundsätzlich präventiven Grundhaltung in Anbetracht von wissenschaftlichen Unsicherheiten.