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INTERPHONE-Studie: Risiko oder Designfehler?

18.10.2008

INTERPHONE-Studie: Risiko oder Designfehler?
Diagnose-Funk, 18. Oktober 2008

Während bereits fast jedes zweite Kind im Alter zwischen 8 und 12 Jahren bereits ein Mobiltelefon nutzt (siehe auch www.kinder-und-mobilfunk.de /.ch), warten Eltern und Politiker immer noch auf die bereits mehrmals hinausgezögerte Publikation der INTERPHONE-Endresultate.

Die Studie wurde 2000 begonnen und endete offiziell vor 2 Jahren. 50 Wissenschaftler untersuchten in 13 Ländern rund 14'000 Personen um herauszufinden, ob die Nutzung von Handys das Risiko für einen Tumor im Kopfbereich erhöhen.

Die ersten nationalen Ergebnisse der einzelnen Mitgliedsländer wurden bereits 2002 publiziert (Lönn et al. 2002). Es ergaben sich in fast allen bereits publizierten Teilstudien tendenziell erhöhte Risiken für die untersuchten Tumore auf der Kopfseite der Handyposition bei einer Nutzungsdauer von über 10 Jahren. Seltsam erschien dabei jedoch der aufgefundene „gesundheitsfördende Effekt“ (Risiko unter 1) bei einer Nutzung von weniger als 10 Jahren. Diese Kuriosität, und die Tatsache, dass ähnliche Studien ohne Industriebeteiligung wesentlich höhere Risiken fanden, entfachten heftige Diskussionen in der wissenschaftlichen Gemeinschaft und den Umweltorganisationen. Wurden die Daten durch eine gezielte Selektion der Fälle geschoben? Oder lag es am (evtl. vorsätzlich) schlecht gewählten Studiendesign? Anstatt die auf Ende 2008 versprochenen Endergebnisse zu liefern, publizierte die Koordinationsstelle der INTERPHONE-Studie, die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC, Lyon, F) am 8. Oktober einen Zwischenbericht zum Stand der Debatte.

Die IARC unternahm bereits mehrere Untersuchungen um herauszufinden, ob das Studiendesign zu einer Über- oder Unterschätzung des Hirntumorrisikos führen könnte. Man diskutiert zum Beispiel, ob die Personen, welche zum Zeitpunkt der Datenerhebung über Ihre Handynutzung der letzten 10 Jahre befragt wurden, im Falle eines Hirntumors die Nutzungsdauer übertrieben hätten. Dies könnte der Fall sein, wenn die betroffenen Patienten von einem Zusammenhang zwischen ihrer Handynutzung und ihrem Tumor überzeugt wären, und nun „einen Schuldigen suchen“.

Die IARC diskutiert in Ihrer Stellungnahme einige weitere mögliche Ungenauigkeiten der Studie. Die Frage, ob die gefundenen Risiken bei Langzeitnutzern real sind, oder nur ein Artefakt statistischer Methodik oder verzerrter Erinnerung der Probanden sind, lässt die IARC dabei bewusst offen. Manche Redakteure hielt dies jedoch nicht davon ab, den Bericht als eine Bestätigung für einen kausalen Zusammenhang zwischen Handynutzung und Hirntumoren zu interpretieren (http://www.thesun.co.uk/sol/homepage/news/article1814931.ece) – ein erneutes Zeugnis, dass man in journalistischen Kreisen heutzutage keine Zeit mehr aufbringt, um sauber zu recherchieren. (Oft genug kommen dadurch auch ungerechtfertigte Entwarnungsmeldungen zustande.)

Um der Wahrheit eine Spur näher zu kommen, versucht die IARC momentan in einigen Fällen den Zusammenhang zwischen der Strahlungsverteilung im Kopf (SAR-Verteilung) und der exakten Lokalisation der Tumore zu untersuchen. Erste Ergebnisse der japanischen INTERPHONE-Gruppe erhärteten dadurch den Verdacht einer tumorfördernden Wirkung des Handys (Takebayashi et al. 2008). Weitere Untersuchungen sind noch am laufen.

Weitere INTERPHONE-Wissenschaftler analysieren weniger verheissungsvolle Ansätze: Einige Teams versuchen nun - quasi kurz vor Torschluss – die gefundenen Risiken durch andere gentoxische Faktoren, wie das Tabakrauchen, medizinische Strahlung, oder gar genetische Faktoren, zu erklären. Auch diese Untersuchungen sind teilweise noch am laufen.

Wie auch immer die Endergebnisse ausfallen werden, aufgrund der komplexen Statistik und dem fehlenden Einblick in die Rohdaten werden aussenstehende Wissenschaftler oder gar interessierte Bürger dem Urteil der IARC ziemlich machtlos gegenüberstehen. Man kann nur vorab bereits anmerken: Glauben Sie keinem Ergebnis, das Sie nicht selbst abgeschwächt haben.

Die Stellungnahme der IARC kann in englischer Sprache hier heruntergeladen werden:
http://www.iarc.fr/en/content/download/7893/58641/file/INTERPHONEresultsupdate.pdf


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