Nachrichtenmonopol: Künftig nur noch eine Wahrheit
saldo | 14.02.2010
Nachrichtenmonopol: Künftig gibt es in der Schweiz nur noch eine Wahrheit
Rolf Hürzeler, Redaktionsleiter saldo
Veröffentlicht auf dF mit freundlicher Erlaubnis der Redaktion
Die Schweiz hat bald nur noch eine einzige Nachrichtenagentur. Das Monopol ist für die freie Meinungsbildung schlecht.
Für die Leserschaft der «Berner Zeitung» ist klar: «SBB - zufriedene Kunden.» Dies habe eine Befragung der Bundesbahnen ergeben, heisst es in einer Meldung der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA), die das Blatt letzte Woche druckte. Ganz anders beim «Tages-Anzeiger»: Dort steht in einer Meldung des Deutschen Depeschendienstes (DDP): «Das Wohlbefinden der SBB-Kunden hat klar abgenommen.» Was nun? Offenkundig interpretierten die beiden Nachrichtenagenturen die gleiche SBB-Befragung unterschiedlich.
Schweizer DDP-Ableger wird eingestellt
Die DDP als zweite Stimme in den Schweizer Medien wird künftig wegfallen. Neu wird nur noch die SDA-Version einer solchen Meldung zu lesen sein. Denn die grosse SDA einigte sich mit der DDP, dass diese ihren Inlanddienst einstellt. Sie bezahlt der deutschen Besitzerin künftig eine Lizenzgebühr für Auslandnachrichten. Unbekannt ist, wie viel die SDA für diesen Handel bezahlte. Immerhin erhöht sie ihr Aktienkapital neu von 2 auf 8 Millionen Franken. Dafür ist sie ihre Konkurrenz los.
Fehlen einer Zweitagentur ist ein Qualitätsverlust
Die Übereinkunft geht auf Kosten der Medienkonsumenten: Sie müssen sich künftig bei der Zeitungslektüre auf Nachrichten aus einer einzigen Quelle stützen. Und die ist längst nicht über alle Zweifel erhaben: Nachrichtenagenturen tendieren zur Übernahme von zugesandten Verlautbarungen aus Politik und Wirtschaft - ohne zu recherchieren oder sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu analysieren. Sie verbreiten Pressemitteilungen, ohne sie in einen Zusammenhang zu stellen. Was reinkommt, geht gleich wieder raus.
Ein typisches Beispiel letzte Woche in der «Basler Zeitung»: «CS hat reiche US-Kunden im Visier» ist eine SDA-Meldung überschrieben. Ungefiltert wird die Absicht der Credit Suisse verbreitet, dass das Geschäft mit den ultrareichen Kunden profitabel sei und sich als dauerhaft erweisen könne. Gerade in solchen Fällen könnte eine zweite Agentur als Korrektiv wirken.
Und die DDP hatte durchaus Qualitäten: Bei der Berichterstattung über die Schweizer Konten ausländischer Potentaten wie des haitischen Duvalier-Clans setzt der «Tages-Anzeiger» oft auf die Nachrichtenagentur DDP, sagt Inland-Chef Iwan Städler: «Diese Meldungen können wir fast eins zu eins übernehmen, wenn immer DDP-Chef Balz Bruppacher zu solchen Themen in die Tasten greift.»
Das Überprüfen von Nachrichten gestaltet sich schwieriger
Nicht nur Zeitungsredaktionen publizieren die Meldungen der Nachrichtenhändler meist kritiklos, auch die Nachrichten von Radio DRS oder der «Tagesschau» bestehen zu einem Grossteil aus Agenturfutter. Umso grösser die Nachteile des neuen SDA-Monopols:
Viele kleinere Zeitungen ohne eigene Korrespondenten wie zum Beispiel der «Appenzeller Volksfreund» verbreiten bei der Berichterstattung aus den übrigen Landesteilen nur SDA-Meldungen.
Ignoriert die SDA ein Geschehnis, hat es künftig für die Leser nicht stattgefunden. Denn die DDP fehlt als Korrektiv. Die Leser müssen auch auf Hintergrundberichte der DDP verzichten, auf die sich besonders kleinere Zeitungen stützen, wie Josef Fritsche vom «Volksfreund» betont. «Da lieferte die DDP mehr.»
Die Qualität der Berichterstattung über Pressekonferenzen wird dünner. «Es wird schwieriger, eine Nachricht zu überprüfen», sagt Iwan Städler vom «Tages-Anzeiger». Das Internet ist für kritische Medienkonsumenten auch keine zweite Quelle: «Die Nachrichten dort stammen ebenfalls oft von Agenturen.» In Zukunft nur noch von einer. Auch die Nachrichtenredaktionen der SRG bedauern das Ende der DDP, wie Diego Yanez, Nachrichtenchef des Schweizer Fernsehens, sagt: «Für uns ein grosser Verlust, weil die zweite Quelle fehlt.»
Wegfall eines Konkurrenten hat den verbliebenen Monopolisten noch nie zu Höchstleistungen angespornt. Zumal die SDA unter Spardruck steht, wie deren Chefredaktor Bernard Maissen sagt. Kein Wunder, hat die SDA letzte Woche beschlossen, die Regionalbüros in Frauenfeld, Schaffhausen, Neuenburg und Freiburg zu schliessen.
Die DDP sollte nicht in ausländische Hände fallen
Bleibt die Frage, weshalb der SDA-Verwaltungsrat sich überhaupt dazu entschlossen hat, die DDP zu übernehmen. Denn die SDA gehört Zeitungsverlegern und der SRG. Beide haben angeblich ein Interesse an einer möglichst grossen Pressevielfalt. Hanspeter Lebrument, SDA-Verwaltungsrat und Präsident des Zeitungsverlegerverbandes: «Wir wollten vermeiden, dass eine ausländische Agentur zugreift, wenn die Schweizer DDP zum Verkauf steht.» Immerhin einen kleinen Vorteil hat das neue Monopol für die Redaktionen: Es kann nicht mehr vorkommen, dass auf derselben Seite zweimal die gleiche Meldung steht - einmal von der SDA und einmal von der DDP. Wie am 3. Februar im «Tages-Anzeiger» über die Anzahl Ausländer in der Schweiz.
SDA: Die Quellen der Meldungen
Die Schweizerische Depeschenagentur (SDA) verbreitet Nachrichten aus dem In- und Ausland. Die Auslandmeldungen stammen meist von anderen Agenturen wie Reuters, Agence France Presse (AFP) oder der deutschen Depeschenagentur (DDP). Künftig wird die SDA einen grossen Teil der Auslandnachrichten von der DDP in Berlin beziehen, die sich wiederum auf ausländische Agenturen stützt.
Die SDA-Meldungen aus dem Inland setzen sich aus Nachrichten von eigenen Korrespondenten und der Redaktion mit Hauptsitz in Bern zusammen. Zudem verbreitet die SDA Verlautbarungen von Unternehmen, Amtsstellen, Verbänden etc. Die Nachrichtenjournalisten sammeln sie aus Pressemitteilungen oder beziehen sie an Medienkonferenzen. Die Agenturen schicken dieses in- und ausländische Nachrichtenmaterial an die Zeitungsredaktionen sowie die SRG-Redaktionen und Lokalradiostationen.