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Angebliche und tatsächliche Manipulationen

21.06.2008

Angebliche und tatsächliche Manipulationen im UMTS-Staat [179 KB]
oder
Wie das Deutsche Mobilfunkforschungsprogramm das Volk über die Risiken täuscht

Ein Bericht der Wissenschaftlervereinigung
Kompetenzinitiative
Erweiterte Fassung vom 20.06.2008 / Lesen Sie den Bericht am besten in der PDF-Fassung

Als die weiter unten folgenden Analysen geschrieben und als Nr. 2 der Aktuellen Berichte verbreitet wurden, lag die Vorstellung des Deutschen Mobilfunkforschungsprogramms am 17. und 18. Juni 2008 in Berlin noch in der Zukunft. Jetzt ist sie Vergangenheit. Sie bestätigt unsere Aussagen zur Gefährdung der Bürger durch ein System des angeblichen „Strahlenschutzes“ eindrucksvoll.

Als Nr. 3 unserer Aktuellen Berichte haben wir die früheren Analysen deshalb um eine erste kritische Auseinandersetzung mit dem Deutschen Mobilfunkforschungsprogramm ergänzt, auch um Zeugnisse, die den Stand der internationalen Forschung dokumentieren. Wir machen kein Hehl daraus, dass uns die große Diskrepanz zwischen dem Stand des internationalen Wissens und dem soeben verkündeten Arsenal gesamtdeutscher Entwarnungen und Verharmlosungen als einzigartiger politischer Skandal erscheint. Noch mehr: Er ist auch die Selbstentlarvung eines durch zu große Industrienähe geistig-moralisch korrumpierten politischen Systems und eine logische Folge der Überordnung ökonomischer über kulturelle Interessen.


1. Zum Stand des Wissens und den Forderungen einer zukunftsfähigen Vorsorge
1.1. Der Report der BioInitiative Working Group

Eine internationale Arbeitsgruppe von Wissenschaftern und Fachleuten für öffentliche Gesundheitspolitik, die BioInitiative Arbeitsgruppe, hat am 31.08.2007 einen 600–seitigen Bericht über den Einfluss elektromagnetischer Felder (EMF) auf die Gesundheit herausgegeben: Schwerwiegende Bedenken bezüglich Schädigung der öffentlichen Gesundheit durch Exposition gegenüber elektromagnetischen Feldern (EMF) von Hochspannungsleitungen und Mobiltelefonen.

Eine Pressemitteilung vom 31. August 2007 fasst zusammen:

„Der Bericht äußert schwerwiegende Bedenken bezüglich der Sicherheit der heutigen öffentlichen Grenzwerte für den Schutz vor EMF von Hochspannungsleitungen, Mobiltelefonen und vielen anderen EMF-Expositionsquellen des täglichen Lebens. […]

Die Autoren überprüften mehr als 2000 wissenschaftliche Studien und Literaturübersichten und schlossen daraus, dass die derzeit gültigen öffentlichen Sicherheitsgrenzwerte für den Schutz der öffentlichen Gesundheit untauglich sind. […]
Der Spezialist für Gehirntumore, Dr. Lennart Hardell, Dr. med., Dr. phil. und Professor am Universitätsspital von Orebro (Schweden), ist ebenfalls Mitglied der BioInitiative Arbeitsgruppe. Seine Studien über Mobiltelefone, Schnurlostelefone und Gehirntumore sind weitherum bekannt als ausschlaggebend in der Debatte über die Sicherheit gegenüber Hochfrequenz- und Mikrowellenstrahlung. „Die Risiken bei länger andauerndem Gebrauch von Mobil- und Schnurlostelefonen sind evident, wenn man auf die Menschen sieht, die solche Geräte über 10 Jahre und länger benutzt haben und dies meist auf derselben Kopfseite." […]

Drahtlose, auf Mikrowellenstrahlung gestützte Technologien zum Senden von E-Mails und zur Übertragung von Gesprächen strahlen Tausende Male stärker als die Strahlungsquellen, die in Studien gesundheitliche Auswirkungen zeigten. […] Auf biologische Effekte abgestützte Expositionsgrenzwerte sind nötig, um organischen Funktionsstörungen vorzubeugen.

Effekte werden genannt bezüglich DNA-Schäden (Gentoxizität, die direkt mit der Integrität des menschlichen Genoms zusammenhängt), Zellkommunikation, zellulärem Stoffwechsel und Reparaturmechanismen, Krebsüberwachung innerhalb des Körpers. Sie sind auch nötig für den Schutz vor Krebs und neurologischen Krankheiten. Ebenfalls berichtet wird über neurologische Auswirkungen einschließlich Veränderungen der Gehirnstrom-Aktivitäten während Mobiltelefongesprächen, ferner über Gedächtnisstörungen, Störung von Aufmerksamkeit und kognitiven Funktionen, Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Effekte und Veränderungen der Immunfunktionen (allergische und entzündliche Reaktionen).

Der beteiligte Autor, Dr. Martin Blank von der Columbia University. Professor und Forscher auf dem Gebiet der Elektrobiologie betont: […] ,Die wissenschaftlichen Ergebnisse sagen uns, dass unsere Sicherheitsgrenzwerte untauglich sind und dass wir uns gegen die Exposition durch EMF infolge Hochspannungsleitungen, Mobiltelefonen und Ähnlichem selber schützen müssen.’"


1.2. Der Appell „Kinder und Mobilfunktelefone: Die Gesundheit der nachfolgenden Generation ist in Gefahr“

Der Appell des Russischen Nationalen Komitees zum Schutz vor Nicht-Ionisierender Strahlung (RCNIRP) vom 14. April 2008 warnt:

„Das elektromagnetische Feld (EMF) ist ein wichtiger biologischer Faktor, der nicht nur die menschliche Gesundheit im Allgemeinen angreift, sondern auch die Prozesse der höheren Nervenaktivität, einschließlich des Verhaltens und des Denkens. Strahlung beeinflusst direkt das menschliche Gehirn, wenn Menschen mobil telefonieren. […]

Die gegenwärtigen Sicherheitsstandards für die Exposition von Mikrowellen der Mobilfunktelefone sind für Erwachsene entwickelt worden und berücksichtigen nicht die wesentlichen Merkmale des kindlichen Organismus. Die WHO sieht den Schutz der Gesundheit von Kindern vor einem möglichen negativen Einfluss durch EMF der Mobiltelefone als eine Aufgabe von höchster Priorität. […]

Nach Meinung des Russischen Nationalen Komitees zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung sind die folgenden Gesundheitsgefahren für mobil telefonierende Kinder in naher Zukunft wahrscheinlich: Gedächtnisstörungen, nachlassende Aufmerksamkeit, verringerte Lern- und Denkfähigkeiten, zunehmende Reizbarkeit, Schlafprobleme, zunehmende Stressemfpindlichkeit, zunehmende Bereitschaft für Epilepsie.

In ferner Zukunft zu erwartete (mögliche) Gesundheitsrisiken: Gehirntumoren, Tumore der Hör- und Eingangsnerven (im Alter von 25 – 30 Jahren), Alzheimer Krankheit, fortschreitende Demenz, depressive Syndrome und andere Arten der Degeneration von Nervenstrukturen des Gehirns (im Alter von 50 – 60).“

Die dramatische Warnung wurde von Wissenschaftlern eines Landes formuliert, das aus Langzeituntersuchungen an Tausenden von Menschen über die weltweit umfassendsten Kenntnisse der Langzeitwirkung elektromagnetischer Felder verfügt.


1.3 Die “Venedig-Resolution” der International Commission on Electromagnetic Safety (ICEMS)

Die ICEMS besteht aus einer Gruppe führender Wissenschaftler aus aller Welt, die sich mit den Auswirkungen der Exposition elektromagnetischer Felder auf die menschliche Gesundheit befassen. Ihre jüngste Resolution wurde am 5. Juni 2008 veröffentlicht. Sie fordert biologisch begründete Standards des Schutzes vor elektromagnetischen Feldern. In einer Pressemitteilung fordern die Wissenschaftler einen wirksameren Schutz und mehr Sicherheit vor den Wirkungen elektromagnetischer Felder. Sie betonen in ihrer Resolution, „dass die epidemiologische Forschung kürzlich deutlichere Beweise als bisher für negative gesundheitliche Auswirkungen der EMFs gefunden habe. Sie wehren sich damit gegen die Behauptung der Industrie, es gäbe keine glaubwürdigen wissenschaftlichen Belege, die auf ein Risiko schließen ließen.“


1.4. Ein französischer Appell von 20 Krebsspezialisten

Am 20. Juni haben 20 internationale Wissenschaftler, die meisten von ihnen Krebsspezialisten, auf Initiative des Arztes Dr.David Servan-Schreiber in einem Appell im Journal du Dimanche vor den Gefahren der Mobilfunktelefone gewarnt – insbesondere im Fall von Kindern, aber auch im Hinblick auf die Erwachsenen. Angesichts jüngerer Studien und beobachteter Akustikus-Neurinome stellen sie fest, dass das Risiko „sehr hoch“ sei – dem Lungenkrebsrisiko von Rauchern vergleichbar. 10 einfache Regeln sollen dieses Risiko mindern, so u. a.: Handys gehören nicht in die Hand von Kindern unter 12 Jahren; niemand sollte länger als wenige Minuten am Tage schnurlos telefonieren, manches Gespräch durch eine SMS ersetzt werden. Die Schwierigkeiten exakter Beweise werden angesichts bekannter Latenzzeiten der Krebsentwicklung zwischen 15 und 35 Jahren eingeräumt. Aber es wird auch deutlich gemacht, dass es zu Vorsicht und Vorsorge bei dem Stand der Erkenntnis keine Alternative gibt.


1.5 Die BUND-Position 2008

Die BUND-Position 2008 Für eine zukunftsfähige mobile Kommunikationstechnik.
Begründungen und Forderungen zur Begrenzung der Gefahren und Risiken durch hochfrequente elektromagnetische Felder
wurde am 24. Mai erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Nach der Verabschiedung durch die BUND-Gremien soll sie voraussichtlich ab Juli 2008 über die Homepage des BUND (www.bund.net) zugänglich sein.

Manches ist offenbar bis zuletzt auch innerhalb des BUND strittig geblieben, so etwa die Frage, ob die geltenden deutschen Grenzwerte nur auf ein einklagbares Hunderttausendstel geltender Werte abgesenkt werden müssen oder nicht sogar auf einen Wert noch deutlich darunter. Einig aber war man sich stets in der Kritik, dass der Staat in seiner Politik des Mobil- und Kommunikationsfunks unverantwortlich mit der Wahrheit, mit Menschen und unserem demokratischen Gemeinwesen umgeht;
einig deshalb auch in der Forderung einer radikalen Umkehr. Der Textentwurf fasst Kritik und Forderung wie folgt zusammen:

„Der menschliche Organismus und der anderer Lebewesen ist auf ein funktionsfähiges, möglichst ungestörtes bio-elektrisches System angewiesen. Aufgrund technischer Entwicklungen wird heute durch verschiedene elektromagnetische Felder störend bis schädigend in diese lebenden Systeme eingegriffen. Da diese Felder feste Körper (wie Wände) durchdringen, ist im Gegensatz zu anderen wahrnehmbaren Umwelteinwirkungen (wie z. B. Lärm) kein wirksamer Schutz der Betroffenen möglich. Die vorliegenden Erkenntnisse, Erfahrungen und Beobachtungen zeigen unmissverständlich, dass dringend ein ausreichender Schutz und eine wirksame Vorsorge vor schädlichen elektromagnetischen Feldern für Menschen, Tiere und Pflanzen erreicht werden muss. […]

Die bereits eingeleiteten weiteren Entwicklungen zum Ausbau weiterer Funknetze und –technologien geben Anlass zu größter Sorge, dass zukünftig noch intensiver auf die biologische Regulation von Lebewesen eingewirkt werden wird. Eine Wende in der mobilen Kommunikationstechnik ist daher dringend erforderlich und wird mit dieser Position skizziert. Da die hochfrequenten Felder feste Körper (wie Wände) durchdringen, ist im Gegensatz zu anderen wahrnehmbaren Umwelteinwirkungen (wie z. B. Lärm) ein effektiver passiver Schutz der Betroffenen kaum möglich. Notwendig wird daher ein rechtskonformes und funktionierendes Schutz- und Vorsorgekonzept. […] Die Umsetzung dieses BUND-Schutz- und Vorsorgeanspruchs bedeutet daher eine weitgehende Abkehr von herkömmlichen Übertragungstechnologien hin zu zukunftsfähigen Kommunikationstechniken“.

Wie das alles erreicht werden soll, wird in dem BUND-Entwurf auf rund 40 Seiten beschrieben. Minister Gabriel findet darin auch zusammenfassende Informationen, was aus nahezu einem Jahrhundert der Forschung an Hinweisen, Nachweisen und Beweisen der Gefährdung und Schädigung von Menschen, Tieren und Pflanzen bekannt ist. Auch Hinweise darauf, wie weit eine für geschäftliche Interessen instrumentalisierte kurzsichtige Umweltpolitik nicht nur Gesundheit und Umwelt, sondern auch Volkswirtschaft und Zukunft gefährdet.


Zum Vergleich: Die Ergebnisse des Deutschen Mobilfunkforschungsprogramms Die voraussichtliche Verabschiedung der BUND-Position Ende Juni / Anfang Juli stellte Bundesumweltminister Gabriel vor eine schwierige Situation. Wie war der Öffentlichkeit plausibel zu machen, dass die Erkenntnisse der Deutschen Umweltpolitik und der deutschen Umweltschützer so weit auseinander gehen? Minister Gabriel hoffte offenbar auf die größere öffentliche Wirkung und den kleineren politischen Flurschaden, wenn er die Entwarnungen des Deutschen Mobilfunkforschungsprogramms vorsorglich vor den BUND-Erkenntnissen in die Öffentlichkeit brachte.

Den mit 8,5 Millionen EUR aus Kassen der Industrie und mit weiteren 8,5 Millionen aus Steuergeldern erwirtschafteten Entwarnungen waren in den voraus liegenden Wochen weit ausholende Versuche vorangegangen, wenigstens die Erkenntnisse über erbgutschädigende Wirkungen elektromagnetischer Felder aus dem Weg zu räumen. Die Vorgänge werden in den Abschnitten 3 – 9 eingehender beschrieben und auf strukturelle Voraussetzungen hin befragt. Kenner der Materie haben seit Langem vorausgesagt, dass das auch ein sorgfältig inszeniertes Vorspiel zum pompösen Auftritt des Deutschen Mobilfunkforschungsprogramms (DMF) war.

Die deutsche Presseagentur (dpa; ähnlich AFP) hat die Öffentlichkeit in hellsten Farben und nicht ganz ohne unterschwellige Genugtuung über den in Deutschland erreichten Stand gesundheits- und umweltpolitischer Erkenntnis informiert: „Die Betroffenen können jetzt etwas entspannen. Am Dienstag präsentierte das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Berlin die Ergebnisse des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms (DMF). [...] Dabei kam laut Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) heraus:

Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass Handy-Nutzung und Funkmasten bei Einhaltung der Grenzwerte die Gesundheit gefährden.“

Vergleicht man die Ergebnisse dieses Forschungsprogramms mit den oben vorangestellten Stimmen internationaler Forschung, so entsprechen sie genau jenem Typus industrieseitiger Information, vor dem z. B. die Venedig-Resolution warnt. Mit einem Unterschied:

Die Entwarnungen verdanken sich nicht wie dort angenommen direkt der Industrie, sondern einem angeblich industrieunabhängigen staatlichen Forschungsprogramm.

Laut DPA-Meldung war der eine Forschungsschwerpunkt des Programms die Erforschung von „Wirkungsmechanismen hochfrequenter elektromagnetischer Felder“, der andere die Widerlegung von beunruhigenden Erkenntnissen etwa zur Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke, der Existenz elektrosensibler Menschen oder der Behauptung einer Krebsgefahr.

Bundesumweltminister Gabriel war den ganzen Tag über mit Botschaften zu vernehmen, die sich anhörten, als ob sie ihm die Industrie in die Feder diktiert hätte: Entwarnungen noch und noch; mehr Mobilfunkmasten in den Wohngebieten verringern das Risiko; Bürgerinitiativen, die sich noch immer gegen den deutschen Stand der Erkenntnis sträuben, denken und handeln verantwortungslos. Ein würdiges Programm deutscher Gesundheits- und Umweltpolitik, aber auch regierungsamtlicher Vorstellungen von politischer Kultur!

Wir präzisieren hier richtiger die Verantwortungslosigkeit eines Bundesumweltministers und seines Forschungsprogramms. Statt „Wirkungsmechanismen“ zu suchen, werden in Wahrheit längst bekannte und gut nachprüfbare Wirkungsmechanismen ignoriert, dementiert oder verschleiert. Studien weniger Jahre und kategorische Begrenzungen des Fragehorizonts auf 10 Jahre sollen darüber täuschen, was aus über 1000 russischen Langzeitstudien über die chronischen Folgen der Wirkung elektromagnetischer Felder bekannt ist.

Wer übernimmt die Verantwortung für die Folgen eines solchen Programms systematischer Verharmlosung, die einem Volk von rund 80 Millionen Menschen erwachsen: Sigmar Gabriel, seine Gehilfen oder die Deutsche Bundesregierung?

Sigmar Gabriel hat dem Volk, der Wissenschaft einen schlechten Dienst erwiesen. Nach dem Stand unabhängiger Wissenschaft hat er 80 Millionen Menschen und ihre Umwelt für unabsehbare Schädigungen freigegeben – von einigen anpassungsbereiten oder profitorientierten Medien unterstützt, die das Recherchieren zweifelhafter Hintergründe verlernt zu haben scheinen. Er hat kritischen Bürgern Recht gegeben, die sich auf Bert Brecht berufen und in Wissenschaftlern zuweilen ein „Geschlecht erfinderischer Zwerge“ sehen, „die für alles gemietet werden können“ (Leben des Galilei). Sich selbst aber hat er mit dieser Präsentation endgültig als Umweltminister disqualifiziert. Die einen beurteilen ihn heute als schlecht informierten und industriegefälligen Technokraten, die anderen als politischen Judas unserer Tage. Einig sind sich alle darin, dass eine solche Umweltpolitik für demokratische Bürger eine Zumutung ist.

Die deutsche Mobilfunkpolitik hat sich seit langem hinter der Forderung von „Beweisen“ verschanzt, die unter einem akzeptablen Beweis verstehen, dass wir alle gleichmäßig erkranken und andere Mitursachen der Erkrankung nicht in Betracht kommen. Minister Gabriel ist am 17. Juni in deutschen Nachrichtensendungen noch einen Schritt weiter gegangen, wenn er sogar von fehlenden „Hinweisen“ auf Gefährdungen und Schädigungen gesprochen hat. Warum sagt ihm niemand aus seiner ministerialen Nähe, dass es solche Hinweise seit fast acht Jahrzehnten in Hülle und Fülle gibt, dass sie auch jedem Politiker grundsätzlich zugänglich sind? Warum muss sich ein Volk ein solches intellektuelles und moralisches Format einer Regierungspolitik gefallen lassen, wo es um Fragen seiner Gesundheit und Umwelt geht? Warum hat die deutsche Gesundheits- und Umweltpolitik diesbezüglich nicht den geringsten Kontakt zur weltweiten Forschungslage und macht Deutschland stattdessen zu einer Provinz besonderer Industrienähe und Ethikferne?

Die zitierten internationalen Stimmen fordern Maßnahmen der Vorsorge, um Katastrophen zu verhindern. Eine als „Strahlenschutz“ getarnte deutsche Wirtschaftspolitik aber marschiert in die genau entgegengesetzte Richtung: Entwarnungen auf ganzer Linie, und Herunterspielen von Restrisiken, die sich nicht ganz weglügen lassen! Muss die gesetzlich geforderte Vorsorge bei uns immer erst im Zuge einer Nachsorge in Erinnerung kommen, für die das Volk die nächsten 800 Milliarden zu bezahlen hat – die Opfer an Leben nicht mitgerechnet?

Warum denkt ein heutiger Bundesumweltminister so wenig europäisch, dass ihm Appelle, wie wir sie zitiert haben, ganz unbekannt bleiben? Oder gilt noch immer, was Brecht seinem Galilei in den Mund legt: „Gib acht auf dich, wenn du durch Deutschland kommst, die Wahrheit unter dem Rock“?

Wir präzisieren die Defizite und Irrwege des deutschen Gesundheits- und Umweltschutzes im Folgenden am Beispiel der UMTS-Politik und am Wirken deutscher Strahlenschutz-Gremien.


3. Der UMTS-Handel und die Defizite deutscher Gesundheits- und Umweltpolitik

Die Handy-Netze unter dem Kürzel UMTS sollen die herkömmlichen GSM-Netze möglichst rasch, möglichst vollständig und möglichst flächendeckend ersetzen. Sie suchen auch deshalb eine neue Nähe von Mensch und Antenne, weil die Übertragung großer Datenmengen kurze Abstände fordert. WLAN, DECT-Telefone und TETRA-Funk, um nur einige der wichtigsten Schnurlos-Techniken zu nennen, ergänzen den Strahlencocktail. Die WiMAX-Technik soll ihn um eine besonders weit reichende Strahlung ergänzen, die letzte Funklöcher auch in rein ländlichen Gebieten beseitigt.

Als das Wissen um die schädigende Wirkung elektromagnetischer Felder noch bis zu den Verantwortlichen vordrang, wurden elektromagnetische Felder – z. B. im Gefolge von Starkstromleitungen – möglichst aus den Wohngebieten herausgehalten. Seit die Techniken des Mobil- und Kommunikationsfunks zum großen Geschäft geworden sind, werden elektromagnetische Felder möglichst in die Wohngebiete gebracht. Die sich daraus ergebenden Probleme sind um so größer, als die eingesetzten Arten der Strahlung fast alles durchdringen, so dass ein wirksamer Schutz auch in den eigenen vier Wänden schwer möglich ist.

Man muss kein Wissenschaftler sein, um auf die logischen, gesundheits- und umweltpolitischen Brüche dieses Systems elektromagnetischer „Versorgung“ aufmerksam zu werden:

1. Alle in Frage stehenden Techniken wurden unter Gesichtspunkten ihrer technischen und kommerziellen Nutzung eingeführt - vor einer zureichenden Erforschung ihrer Risiken für Mensch und Natur.

2. Soweit dabei bekannte Risiken ignoriert, verdrängt oder dementiert werden, hat der Einsatz dieser Techniken den Charakter einer Zwangsbestrahlung, die verantwortungslos mit Wahrheit, Bürgern und dem Verfassungsauftrag der Schutzgesetze umgeht.

3. Wie weit jemand das „Handy-Fernsehen im Mäuseformat“ (Der Spiegel), das lautstarke Telefonieren in Zügen oder das WLAN-Surfen in Hotels und Restaurants für die Definition seiner Identität braucht, ist zunächst seine persönliche Entscheidung. Zur Frage eines demokratischen Gemeinwesens wird sie dort, wo andere von den Wirkungen betroffen sind.

4. Der Staat hat seinen Zynismus im Umgang mit der Gesundheit seiner Bürger bisher nirgends deutlicher zur Schau gestellt als auf dem Gebiet der weit verbreiteten Schnurlostelefone. Er hat die Telefone nach dem DECT-Standard, die rund um die Uhr und bis in Entfernungen von 300 m strahlen, zur gesetzlichen Norm erhoben, den weitaus belastungsärmeren sog. CT1+Standard, der nur während des Telefonierens strahlt, ab dem 1.1.2009 verboten. Die Entscheidung entspricht einer Gesundheitspolitik, die Krankheitskosten „deckelt“, statt sie vermeiden zu helfen.

Die folgenden Analysen zeigen den ebenso geschäftstüchtigen wie zynischen Umgang mit Gesundheit und Umwelt der Bürger am Beispiel der UMTS-Politik. Der Staat hat sich ihre Durchsetzung bekanntlich mit 50 Milliarden Euro bezahlen lassen.

Für einen Erlös von umgerechnet rund 600 Euro pro Kopf hat er damit jeden seiner 80 Millionen Bürger einem noch ungeklärten gesundheitlichen Risiko ausgesetzt. Konnte er nicht wenigstens je 50 cent dieser Summe in eine wirklich unabhängige Forschung investieren, die weder von der Industrie mitfinanziert noch mitbestimmt wird? Er hätte sich den Vorwurf erspart, die Gesundheit des Volks an die Mobilfunkindustrie verkauft und verraten zu haben.


4. Zum Stand der UMTS-Forschung

Die Verantwortlichen aus Politik, Industrie und Wissenschaft bescheinigen der Öffentlichkeit und betroffenen Bürgern die besondere Bekömmlichkeit der UMTS-Strahlung. Doch nach dem Stand der Forschung ist das eine Lüge. Denn fast alle vorliegenden UMTS Studien belegen schwerwiegende Schädigungspotenziale dieser Technik; ihre Rechtfertigungen typische Strategien der Manipulation.

Zunächst zu den Nachweisen der Schädlichkeit:

● 2003 bestätigt eine von drei niederländischen Ministerien in Auftrag gegebene Studie („TNO-Studie“) u. a. Tinnitus, Kopfschmerzen und Übelkeit als mögliche Sofortwirkungen der neuen Technik – was europäische Regierungen nicht davon abhält, diese flächendeckend einzuführen.
● 2005 gelangen schwedisch-russische Forschungen von I. Belyaev, E. Markova und anderen Wissenschaftlern zu dem Ergebnis, dass UMTS-Mikrowellenstrahlung auf Grund ihrer Signalcharakteristik deutlich größere zellschädigende biologische Effekte bewirken kann als GSM-Strahlung.
● 2006 machen die Professoren F. Adlkofer und H. W. Rüdiger erstmals mit Ergebnissen ihrer UMTS-Forschungen bekannt. Die UMTS-Strahlung ist danach schon bei einer zehnmal niedrigeren Intensität (SAR) so gentoxisch, wie nach den Ergebnissen der Reflex-Studie die GSM-Strahlung.

● 2008 belegt eine Studie des Fraunhofer Instituts für Toxikologie und Experimentelle Medizin Hannover am Beispiel von Mäusen die tumorfördernde Wirkung von UMTS.

Wie der Überblick zeigt, haben sich die Indizien einer besonderen Fragwürdigkeit der UMTS-Technik seit ihrer Versteigerung 2002 kontinuierlich verdichtet. Den Gefährdungen der beschlossenen UMTS-Politik wirken rasch aber auch Rettungsversuche entgegen:

● Nach dem Bekanntwerden der niederländischen TNO-Studie gibt die Mobilfunkindustrie eine angebliche Wiederholung und Prüfung der Ergebnisse dieser Studie an der ETH Zürich in Auftrag, verändert die Projektvorgaben (u. a. in der Auswahl der Probanden) aber so, dass andere Ergebnisse herauskommen müssen. Aus der angeblichen „Replik“ der TNO-Studie wird das klassische Beispiel eines manipulativen Missbrauchs von Wissenschaft für die Bedürfnisse der Mobilfunkindustrie.

● Als Prof. Adlkofer Bundesumweltminister Gabriel im Dezember 2006 mit den Ergebnissen der neuen UMTS-Studie bekannt macht, sieht sich Prof. Alexander Lerchl von der privaten Jacobs University Bremen ein erstes Mal aufgefordert, die angeblichen UMTS-Risiken zu widerlegen. Ob er dabei einer zeitnahen inneren oder äußeren Berufung folgt, entzieht sich unserer Kenntnis. Tatsache ist, dass eine Pressemitteilung seiner Universität bereits am 29.06.2007 der Öffentlichkeit berichtet, in „Langzeitversuchen“ an Mäusen habe der Forscher „keinen Nachweis für eine Schädigung durch UMTS-Strahlung“ gefunden. Analog liest man es fortan in einer ganzen Reihe von Medien-Aussagen, z. B. in einem PC-Magazin: Was immer die UMTS-Kritiker an Störungen und Schädigungen vermuten – „Wissenschaftler der Jacobs University […] unter Leitung von Alexander Lerchl, Professor of Biology, in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Universität Wuppertal […] gaben nun Entwarnung“. Die Rede von „Langzeitversuchen“ bezieht sich dabei offenkundig auf die Lebensdauer der Mäuse und versucht vom ad hoc-Charakter der Studie abzulenken. Zu deren vielen Anfechtbarkeiten gehört auch die bislang ungeklärte Frage, warum Prof. Lerchl die Bestrahlung der UMTS-Mäuse knapp vier Wochen früher abbrechen ließ als die der GSM-Mäuse. Gut eineinhalb Jahre später sieht sich Prof. Lerchl abermals berufen, gegen prominente UMTS-Kritiker zu Felde zu ziehen. Wir gehen auf seinen Vorstoß im Folgenden näher ein.


5. Etappen einer konzertierten Intrige

Seit Anfang 2008 ist die UMTS-Studie der Professoren Adlkofer, Rüdiger und weiterer Mitarbeiter in einem wissenschaftlichen Fachjournal zugänglich. Seit dem 25. Februar 2008 liegt der EU auch ein Antrag Adlkofers auf Bewilligung und Finanzierung eines Projekts vor, das die Wirkungen der UMTS-Strahlung in einem europaweiten Rahmen nach dem (weiterentwickelten) Modell der Reflexstudie verlässlich klären soll. In einer Überschau der Forschungslage fassen die Professoren Adlkofer, Kundi und Rüdiger den zu diesem Zeitpunkt gegebenen Stand der Erkenntnis wie folgt zusammen: „Die von der Strahlenschutzkommission vertretene Vorstellung über die Unschädlichkeit von der Mobilfunkstrahlung kann nach unserer Überzeugung aufgrund der Datenlage nicht mehr aufrechterhalten werden. Die vorliegenden in-vitro-Forschungsergebnisse belegen sowohl ein gentoxisches als auch ein die Genfunktion modulierendes Potential von HF-EMF. Sie bilden damit die theoretische Grundlage für die Annahme eines Tumorrisikos, wie es sich in epidemiologischen Studien bereits andeutet.“

Nun aber sieht sich Prof. Alexander Lerchl zum zweiten Mal zum Retter der UMTS-Industrie und –Politik berufen. Vorwürfe der Manipulation sollen die UMTS-Erkenntnisse von Adlkofer und Rüdiger entkräften und die UMTS-Diskussion aus der Welt schaffen - die Erkenntnisse der Reflex-Studie, die Glaubwürdigkeit der Professoren Adlkofer und Rüdiger sowie einen für Industrie und Staat höchst unbequemen europäischen Projektantrag gleich mit.

Die Professoren Adlkofer und Rüdiger haben mit einer Gegendarstellung inzwischen auch eine eingehende Dokumentation der Ereignisse vorgelegt, die auf den Internetseiten von Diagnose-Funk und h.e.s.e. eingesehen werden kann. Hier genüge es, die Gelenkstellen der Entwicklung festzuhalten:

● Prof. Alexander Lerchl wendet sich an den Rektor der Medizinischen Wiener Universität und an die Herausgeber zweier wissenschaftlicher Zeitschriften mit dem gegen die Professoren Adlkofer und Rüdiger gerichteten Vorwurf der Datenmanipulation.

● Tatsächlich wird dem Rektorat der Medizinischen Universität Wien im Mai 2008 vom Nachfolger Prof. em. Rüdigers gemeldet, eine Laborantin der Arbeitsmedizin habe Daten gefälscht. Die als hoch qualifiziert geltende und seit fast 10 Jahren im Labor der Arbeitsmedizin beschäftigte Mitarbeiterin räumt ein zeitlich genau lokalisiertes Fehlverhalten im April 2008 ein. Sie betont aber die Einmaligkeit dieses Vorgangs und die Sauberkeit aller früheren Arbeiten.

● Ohne den früheren Vorgesetzten der Laborantin, Prof. Rüdiger, auch nur anzuhören und die Rohdaten der Untersuchungen selbst anzusehen, kommt eine an der Universität bestehende Kommission für Wissenschaftsethik zu dem Schluss, dass alle Publikationen, an denen die Laborantin mitgewirkt hat, wegen des Verdachts der Datenmanipulation zurückgezogen werden müssen. Der Rektor, dem diese Empfehlung mitgeteilt wird, fordert merkwürdigerweise jedoch nur die Rücknahme der beiden Studien zur Wirkung der Mobilfunkstrahlung - zu UMTS wie GSM. Die sechs anderen Studien, an denen die Laborantin mitgewirkt hat, werden nicht beanstandet.

● Dem Einwand, dass die Ergebnisse ordnungsgemäß zustande gekommen, auch anderweitig längst bestätigt seien, begegnet der Rektor der Universität mit dem Argument, Prof. Rüdiger habe sich dem Votum einer unabhängigen wissenschaftsethischen Kommission zu beugen und die Ergebnisse der 2008 publizierten UMTS-Studie wie die Reflex-Ergebnisse von 2005 zurückzuziehen.

● Überraschend stellt sich zwei Tage später heraus, dass der gerade berufene Vorsitzende der dreiköpfigen Kommission für Wissenschaftsethik als Jurist bei einem Unternehmen der Mobilfunkindustrie beschäftigt ist.

● Ungeachtet dieser Tatsache, dass der Glaube an die angebliche Unabhängigkeit der Untersuchungskommission längst zerstört ist, gibt der Rektor der Universität an den Professoren Adlkofer und Rüdiger vorbei eine Pressemitteilung heraus, die unter Berufung auf Geständnisse - die es nie gegeben hat - die Vermutung in Umlauf bringt, die Arbeiten über erbgutändernde Wirkungen von Mobilfunkfeldern seien gefälscht.

● In ihrer Gegendarstellung betonen die Professoren Adlkofer und Rüdiger mit der Unhaltbarkeit der unterstellten Manipulationsvorwürfe auch ihre Überzeugung von der Richtigkeit und allgemeineren Absicherung ihrer Ergebnisse: „Wir halten es nicht für gerechtfertigt, die genannten beiden Studien zur erbgutschädigenden Wirkung von Mobilfunkfeldern aufgrund der Anweisung des Rektors der Medizinischen Universität Wien zurückzuziehen, weil wir überzeugt sind, dass die wissenschaftlichen Aussagen in diesen Publikationen korrekt sind.

Für diese unsere Auffassung spricht, dass Ergebnisse beider Studien inzwischen von anderen unabhängigen Arbeitsgruppen bestätigt sind. Damit kann an der grundsätzlichen Richtigkeit der publizierten Daten kaum ein Zweifel bestehen. […]

Erbgutschädigende Wirkung von Mobilfunkfeldern ist bedeutsam für die Risikobewertung dieser neuen Technologie. Die Publikationen zu diesem Thema, von deren Richtigkeit wir überzeugt sind, ohne triftigen Grund zurückzuziehen, entspricht nicht unserer Auffassung von der Verantwortung des Wissenschaftlers gegenüber der Öffentlichkeit. Das könnte als falsches Signal verstanden werden, dass nämlich damit auch alle gesundheitlichen Bedenken ausgeräumt wären.“

● Doch die Drahtzieher der Aktion, allen voran Prof. Alexander Lerchl, haben inzwischen über DPA und den Spiegel in die Medienöffentlichkeit gebracht, worauf sie es abgesehen hatten. Spiegel-Redakteuer und Mobilfunk-Freund Manfred Dworschak verkündet es triumphierend: „Gleich zwei vieldiskutierte Studien sind nach dem Geständnis praktisch wertlos geworden.“ Wie habe man nur auf so dürftiger Grundlage eine Senkung der Grenzwerte fordern können!

Die Schlüsselfunktion von Prof. Lerchl bei Vorbereitung und Durchführung der konzertierten Aktion ist nach allem offensichtlich. Ausdrücklich rühmt Manfred Dworschak Lerchls Vorreiterrolle im so gesehenen Eintreten für die Sauberkeit der Wissenschaft. Die Aktion scheint am Ziel aller Wünsche: Rettung der UMTS-Technik und Vernichtung der Reflex-Studie, beides verbunden mit einer Selbstinszenierung überlegener Wissenschaftlichkeit.

Doch die Drahtzieher haben dabei nicht nur die Attribute von „Wissenschaftsethik“ und „Unabhängigkeit“ missbraucht. Sie haben auch zahlreiche Indizien einer fein gesponnenen großen Intrige hinterlassen. Nicht die beiden Wiener Studien sind manipuliert, sondern Prof. A. Lerchl versuchte mit einer Reihe von Helfern Politik und Öffentlichkeit im Interesse der Mobilfunkindustrie zu manipulieren!


6. Industrienähe und Ethikferne am konkreten Beispiel

Geht man weit genug zurück, entdeckt man Prof. Lerchl (fortan AL) noch als Beförderer mobilfunkkritischer Einsichten. 1999 - 2001 wirkt er maßgeblich an einem Projekt mit, das die schädigende Wirkung gepulster hochfrequenter Strahlung auf einjährige Pflanzen dreier Nadelbaumarten nachweist. Beobachtet wird dabei auch, dass Pinus pumila mit ihrem größten Anteil vertikal stehender Nadeln auch die größte Schädigungsrate aufweist - was die Annahme einer kausalen Wirkung unmittelbar über die Nadeln nahe legt.

Als wir AL 2007 fragen, warum die Ergebnisse des mit öffentlichen Mitteln geförderten Projekts erst nach mühsamen Recherchen und auch dann nur in einer Kurzzusammenfassung erreichbar sind, bekommen wir u. a. auf dem Umweg über eine Zwischenschaltung des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz die folgenden beiden Auskünfte: Private Gründe hätten die Ausformulierung der Ergebnisse bislang hinausgezögert. Außerdem deute AL die Beobachtungen heute ganz anders, nämlich als indirekte, „durch thermische Wirkungen auf die Anzuchterde“ bedingte Schädigung infolge z. B. von „Wasserstress“ oder „Nährstoffmangel“. In keiner Weise sei aus den Projektergebnissen zu folgern, „dass die Experimente an Keimlingen unter den geschilderten Versuchsbedingungen für relevante Expositionen von Bäumen Schäden oder ursächliche Zusammenhänge vermuten lassen“. Diese Interpretation widerspricht nicht nur klar den früheren Beobachtungen. Sie zeigt auch ein krampfhaftes Bemühen, alles auf thermische Wirkungen umzubiegen – die einzige Gruppe von Wirkungen, die deutsche Grenzwerte berücksichtigen. Offenbar soll auch die Pflanzenwelt nicht die geringste Handhabe für die Annahme schädigender und nicht-thermischer Wirkungen bieten.

In seinem 2007 erschienen Bändchen Macht Mobilfunk krank? Daten, Fakten, Hintergründe fasst AL die Summe seiner eigenen und aller ihm bekannten Erkenntnisse unter der Überschrift „Kritische Einsichten“ zusammen: „Die Resultate der wissenschaftlichen Studien belegen insgesamt bislang keinen Verdacht auf einen Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlen innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte und Gesundheitsschäden, weder in Zell- oder Tierexperimenten noch anhand epidemiologischer Untersuchungen.“ Jeder auch nur halbwegs Informierte weiß, wie gut solche Einsichten industrielle Interessen bedienen, wie falsch und tendenziös sie aber die Öffentlichkeit unterrichten. Eine Rezension des Buches weist darauf hin, dass „Daten, Fakten, Hintergründe“ darin „einseitig und unvollständig dargestellt“ seien und unerwünschte Erkenntnisse - z. B. in Sachen Elektrosensibilität -„ausgeblendet“ werden. Sie verweist ihrerseits auf den Hintergrund der privat finanzierten Jacobs-Universität, an der sechs Vodafone-Stipendiaten seit September 2007 ihr Studium aus einem „Vodafone-Chancen-Programm“ finanzieren.

Zusammenhänge dieser Art widerlegen aber nicht nur die behauptete „Kritische Einsicht“, sondern die angebliche Unabhängigkeit des Forschens mindestens ebenso. Wie es darum bestellt ist, zeigen im ereignisreichen Jahr 2007 u. a. Pressemitteilungen, der Telekommunikationsausrüster Huawei und die Jacobs Universität Bremen seien als Mitglieder 55 und 56 der Forschungsgemeinschaft Funk e. V. beigetreten: „Seit dem 12. September 2007 sind die beiden Organisationen Mitglieder der Forschungsgemeinschaft Funk e. V. [...]. Huawei Technologies ist ein führender Hersteller von Telekommunikationsnetzen der nächsten Generation und bedient Telekommunikationsanbieter mit über einer Milliarde Nutzern weltweit. Die Jacobs University Bremen ist eine private, unabhängige Hochschule mit höchsten Ansprüchen in Forschung und Lehre.“ Eine Universität, Seite an Seite mit weltweit führenden Telekommunikationsanbietern, aber unabhängig und auf höchstem Forschungsniveau! Wer von dieser Dreifaltigkeit überzeugt sein will, braucht einen starken Glauben.

Aufgefallen ist AL unserer Initiative unabhängiger Wissenschaftler, Ärzte und Techniker zuerst mit seinem ungewöhnlichen Engagement für Ärzte-Fortbildungen in der Regie und Finanzierung des IZMF, des Informationszentrums der Mobilfunkindustrie. Veranstaltungen dieser Art wurden bisher in den verschiedensten deutschen Regionen durchgeführt – als Workshop auch im Rahmen der Jacobs University. Den Grundtenor solcher Veranstaltungen hat Frau Prof. C. Herr der Presse gegenüber so formuliert: „Mediziner geben Entwarnung.“ Dagmar Wiebusch, die Geschäftsführerin des IZMF, betont das im Zusammenhang solcher umweltmedizinischen Ärzte-Fortbildungen regelmäßig mit ganz ähnlichen Worten.

Die Instrumentalisierung der Wissenschaft für Bedürfnisse von Staat und/oder Industrie ist eine geläufige Zeiterscheinung. Zu einem Phänomen absoluter Ethikferne und intellektueller Kriminalität wird sie aus unserer Sicht dort, wo es um Gesundheit und Umwelt geht, die professionellen Verharmloser aber auch in den einschlägigen Schutz-Gremien sitzen.


7. Irrwege des deutschen Strahlenschutzes

Unsere Grenzwerte, die von Regierungen, Konzernen und ihren Helfern zum Schutz geschäftlicher Interessen pervertiert wurden, sind so fragwürdig wie ihre Geschichte. Sie gehen auf Empfehlungen der ICNIRP zurück, eines industriefreundlichen und demokratisch nicht legitimierten Privatvereins. WHO und SSK haben seine Empfehlungen übernommen. Der Staat hat sie in eine Verwaltungsverordnung überführt und hält gegen alle Gebote der Vernunft eisern daran fest. Möglich ist das nur, weil seine angeblichen „Schutz-Gremien“ in geeigneter Weise besetzt sind.

Das gilt in zweifacher Hinsicht. Wie ein Gutachten des Wissenschaftsrats festgestellt hat, ist der überwiegende Teil der über 600 Stellen des Bundesamtes für Strahlenschutz mit Beamten und Angestellten besetzt, die keinerlei eigenständige wissenschaftliche Kreativität zeigen. Das aber widerspricht nicht nur – wie das Gutachten betont - dem Errichtungsgesetz der Behörde. Es wird zum Problem, wenn just Beamte dieser Behörde dann immer wieder auf angebliche Fehler renommierter Wissenschaftler schließen, deren Erkenntnisse nicht den Erkenntnissen des BfS entsprechen.

Noch gefährlicher aber sind tatsächliche Wissenschaftler, die gut und lukrativ mit der Industrie zusammenarbeiten, aber zugleich wichtigste Schaltstellen im Gesundheits- und Umweltschutz besetzen. Prof. Lerchl gehört zu ihnen und beleuchtet das Problem eindrucksvoll. Seine Projekte, Aussagen und Beziehungen machen ihn zu einer der wichtigsten Stützen der Mobilfunkindustrie. Aber er sitzt auch im Ausschuss für Nichtionisierende Strahlung der Strahlenschutzkommission des Bundesumweltministeriums. Ebenso ist er einer der wichtigsten Auftragnehmer des Deutschen Mobilfunkforschungsprogramms, das an das Bundesamt für Strahlenschutz angebunden ist.

Was für den Schutz der Bürger bei solchen Vernetzungen herauskommt, hat AL im Rahmen eines in Ritterhude gehaltenen Vortrags gezeigt, den das Osterholzer Kreisblatt vom 16. Juni 2007 unter der Überschrift zusammengefasst hat: Professor Lerchl appelliert an alle Kommunen: Keine Steuergelder für weitere Mobilfunk-Studien ausgeben. Der „dringende Appell“ an die Kommunen, „keine zusätzlichen Steuergelder für Mobilfunk-Studien“ zu vergeuden, wird um Standortempfehlungen ergänzt: „In dem Gespräch mit unserer Zeitung empfiehlt der Grohner Strahlenschutzexperte sogar, die Masten auf öffentlichen Gebäuden mitten im Ort aufzustellen: Schulen, Kindergärten, andere öffentliche Gebäude mit Publikumsverkehr.“ Ist das die Art von Gesundheitsschutz, für den wir als Steuerzahler aufkommen sollen?

AL ist nicht der einzige Wissenschaftler, der Interessenvertretungen kombiniert, die sich ausschließen. Die bereits zitierte Ärzte-Fortbildung des IZMF in Berlin vom 7.11.2007 nennt

z. B. als Referenten neben Dagmar Wiebusch, der Geschäftsführerin des IZMF, und Alexander Lerchl noch Prof. Dr. med. Caroline Herr und Dr. rer. nat. Matthias Otto. Wie Herrn Lerchl findet man dann aber auch Frau Herr und Herrn Otto in der SSK wieder. Muss die Bevölkerung heute schon dankbar sein, dass nicht auch Dagmar Wiebusch berufen wird?

Ein anderes Mitglied der SSK, Prof. Dr. Jürgen Kiefer, hielt am 29.11.2006 in der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes einen Vortrag
Mobilfunk – die unerkannte Gefahr? Was immer an Risiken bekannt ist, wurde darin zitiert, zerredet, dementiert. Herr Kiefer schreckte nicht einmal davor zurück, die Unschädlichkeit eines Handys mit einem Geigerzähler zu „beweisen“. Ein in jeder Hinsicht betroffener Wissenschaftler urteilt nach diesem Vortrag: „Der Kommunikationsfunk hat uns eine gesellschaftliche Demenz beschert, die mindestens drei Ursachen hat: eine Strahlung, die man nicht sieht; einen Glanz des Geldes, der angeblich nicht stinkt; einen sichtbar-anrüchigen Strahlenschutz, dessen moralisches Format der Höhe deutscher Grenzwerte umgekehrt proportional ist!“

Die Reihe solcher janusköpfigen Gestalten im Umfeld der Bundes- und Länderpolitik ließe sich vervielfachen. Sie engagieren sich für die Produktinteressen der Mobilfunkindustrie, werden aber gleichzeitig in Gremien und Funktionen berufen, die ihrem gesetzlichen Auftrag nach die Bevölkerung vor den Risiken dieser Produkte schützen sollten. Das Personal und die Strukturen dieser Art haben dem einschlägigen deutschen Verbraucher- und Umweltschutz von Bund und Ländern den Ruf einer überdurchschnittlichen Verlogenheit und geistig-ethischen Armut eingebracht. Wir beurteilen die damit verbundene Pervertierung des gesetzlichen Schutzauftrags unumwunden auch als Veruntreuung von Steuergeldern und als Zumutung für kritische Demokraten.


8. Das Deutsche Mobilfunkforschungsprogramm und die Frage der Prioritäten

Die gegen die Forscher Adlkofer und Rüdiger ausgeworfene Intrige ist im Vorfeld der Vorstellung des Deutschen Mobilfunkforschungsprogramms zu sehen. Vieles spricht für systematisch geplante Akte einer konzertierten Regie: „Volkshelden“ (Dworschak) wie die Professoren Adlkofer und Rüdiger oder auch Dr. med. Oberfeld sollen samt ihren bisherigen Erkenntnissen demontiert werden und ihre Forschungsgelder verlieren. Im nächsten Akt erlebt die europäische Öffentlichkeit dann die großartige Inthronisation des Deutschen Forschungsprogramms und seiner Ergebnisse. Das staatliche Engagement für die Erforschung der Risiken soll damit dann abgeschlossen sein. Und just ein Vertreter von Siemens hat Bundestagsabgeordneten, die jeden weiteren Aufwand für Forschung und Aufklärung als Zumutung betrachten, bereits zugesagt, die Aufklärung der Gesellschaft aus den finanziellen Etats der Mobilfunkindustrie zu übernehmen.

Wie ein interdisziplinäres Team von Medizinern, Biowissenschaftlern und Physikern anhand einer ersten Durchsicht von ca. 50 verfügbaren Kurzfassungen beobachtet, verzichtet das DMF weitestgehend auf wirkliche Ursachenforschung. Besonders häufig geht es um die Reduplikation bereits bekannter Ergebnisse. Z. T. wird eine Überprüfung von Erkenntnissen in Angriff genommen, die bestens gesichert sind – etwa die seit der Mitte der 90er Jahre bekannten störenden Einwirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder auf die Melatoninproduktion.

Eine einzige Arbeit wollte im Sinne einer Kausalanalyse die möglichen Folgen naher Basisstationen für Schlafstörungen durch An- und Abschalten prüfen. Aber genau dieses Projekt wurde durch die mitfinanzierende Mobilfunkindustrie gestoppt.

Wer nach den beobachtbaren personellen Prioritäten fragt, erkennt rasch die Wirkung der Mitbestimmung, die sich die Mobilfunkindustrie nach Aussage von Insidern als Gegenleistung für die hälftige Mitfinanzierung des DMF ausbedungen hat. Prof. Lerchl begegnet man gleich mehrfach in repräsentativen und einflussreichen Positionen; Vertretern der Gegenseite nirgends.

Die Lenkung der Wahrheitssuche bedient sich ergänzend aber auch der grundsätzlichen Anerkennung oder Verweigerung von Prioritäten der Forschungsförderung. So liegen uns Stellungnahmen des BfS vor, mit denen z. B. der Erforschung der Risiken für Tiere und Pflanzen die Priorität abgesprochen wird, die geltend gemachten Erkenntnisse einer jahrzehntelangen Forschung einfach ignoriert oder dementiert werden. Prof. Frentzel-Beyme sah sich sogar im Fall von Anträgen zur Erforschung der Risiken für Kinder mit dem Argument abgewiesen, „Kinderstudien“ seien „nicht prioritär“.

Die sich abzeichnende Logik des deutschen Strahlenschutzes folgt dabei einer merkwürdig zirkulären Struktur: Ernst zu nehmende Risiken seien den zuständigen Schutz-Gremien nicht bekannt. Ihre Erforschung könne also keine Priorität beanspruchen. Der Verzicht auf weitere Forschung versteht sich dann wiederum als öffentlicher Beweis, dass es ernst zu nehmende Risiken nicht gibt.

Niemand wird in Abrede stellen, dass sich in der gegenwärtigen Situation Annahmen der Unbedenklichkeit und solche höchster Gefährdung unserer Lebenswelt unversöhnlich gegenüberstehen. Wo die einen beschwichtigend von deutlich unterbotenen Grenzwerten reden, schließen die anderen auf eine schädigende Zwangsbestrahlung, der man auch in den eigenen vier Wänden ausgesetzt ist und die für immer mehr Menschen mit gravierenden Einbußen an Gesundheit, Eigentum und Lebensqualität verbunden ist. Wo die einen die Vermietung von Antennendächern als marktwirtschaftlichen Handel werten, schließen andere auf makabre Geschäfte zu Lasten von Gesundheit und Eigentum unbeteiligter Dritter. Wo die Verantwortlichen von einem Auftrag möglichst lückenloser Versorgung reden, folgern andere längst eine möglichst gleichmäßige Verstrahlung der Bevölkerung, die Nachweise der Schädigung und Regelungen der Haftung erschweren soll, weil es keine unbestrahlten Vergleichsgruppen mehr gibt.

In Kooperation mit der BioInitiative Working Group, die mit ihrer Auswertung von 2000 Studien bekannt geworden ist, und zahlreichen anderen umweltengagierten Vereinigungen sind wir dabei, die Lücken auszufüllen, die das DMF nicht ausfüllen konnte oder wollte. U. a. mit unserer Schriftenreihe Wirkungen des Mobil und Kommunikationsfunks werden wir den Zugang zu jener Seite der Wahrheit ermöglichen, die von Staat, Industrie und ihren Helfershelfern verschwiegen wird. Im ersten Heft dieser Reihe, Bienen, Vögel und Menschen. Die Zerstörung der Natur durch ‚Elektrosmog’, das im Dezember 2007 erschienen ist, zeigt der Biowissenschaftler Dr. rer.nat. Ulrich Warnke auf der Grundlage nachprüfbarer Wirkungsmechanismen, dass die Verantwortlichen dabei sind, in wenigen Jahrzehnten aufs Schwerste zu schädigen, was die Natur im Verlauf von Jahrmillionen aufgebaut hat.

In einer vorangegangenen Broschüre hatten die Ärzte Dr. med. Wolf Bergmann und Dr. med. Horst Eger bereits die Einwirkungen auf die menschliche Gesundheit zusammengefasst. In den nächsten Heften unserer neuen Reihe werden wir zeigen, was einer weltweiten Forschung zur Schädigung der Kinder, der Tiere und Pflanzen bekannt ist. Angesichts bereits vorliegender Rohfassungen können wir schon heute sagen: Was unser Strahlenschutz ignoriert, verdrängt oder weg lügen lässt, ist gespenstisch. Wer haftet für die Folgen?



9. „Gekaufter Staat“ – „verkaufte Gesundheit“

Gesundheit als Problem eines kranken Systems

Wir recherchieren weiter und werden das Zusammenspiel von Mobilfunkindustrie, Wissenschaft und medialen Verstärkern in seinen Wurzeln, Trieben und Früchten noch weiter offen legen. Das gilt für den hier beleuchteten Beispielfall, aber auch im Rahmen unseres Projekts Mobilfunk und Medien. Doch schon die hier vorgelegten Beobachtungen gestatten für das Funktionieren des deutschen Verbraucher- und Umweltschutzes ein ernüchterndes Fazit:

Ein Wissenschaftler, der gut mit Mobilfunkindustrie und ausgewählten Medien zusammenarbeitet, reicht aus, den Stand der Forschung in öffentlichkeitswirksamer Weise zu manipulieren.

Drei deutsche Strahlenschutz-Gremien liefern einer fahrlässigen Gesundheits- und Umweltpolitik die benötigten Persilscheine.

80 Millionen Bürger aber sind die potentiellen Opfer dieses wissenschaftlich wie ethisch gleichermaßen fragwürdigen „Schutz“-Systems!

Bereits die internationale Benevento-Resolution von 2006, die der Venedig Resolution voraus liegt, warnt vor den Folgen der Tatsache, dass der Einfluss der Mobilfunkindustrie das Wissen einer industrieunabhängigen Forschung unterdrückt. Eine Schrift, von der Europäischen Umweltagentur herausgegeben und vom deutschen Umweltbundesamt übersetzt - Späte Lehren aus frühen Warnungen: Das Vorsorgeprinzip 1896-2000 -, konstatiert ein hundertjähriges Versagen der Politik vor der Aufgabe der Vorsorge, als Folge horrende Opfer an Leben und volkswirtschaftlichen Verlusten. Aus den Analysen des Versagens werden 12 Lehren abgeleitet, deren Beherzigung als Voraussetzung einer realistischen Schutzpolitik gesehen wird, darunter die frühzeitige Wahrnehmung von Warnungen. Heute geht es nicht mehr nur um Warnungen, sondern um eine längst überfällige Kenntnisnahme nachprüfbarer Wirkungsmechanismen der Schädigung durch elektromagnetische Felder. Aber noch immer finden wir keine einzige der 12 Lehren berücksichtigt. Die Verstrickung in Milliardengeschäfte macht offenbar skrupellos oder blind!

Wir recherchieren seit langem, wie weit das Geld und die Vertreter der Mobilfunkindustrie auch über die Wissenschaft hinaus und bis in sensibelste Bereiche hinein die Gesellschaft nach ihren Bedürfnissen gestalten. Ob im Kinderschutz, in Medienbeiräten, in der „Aufklärung“ von Ärzten, Eltern und Schulen oder auch im Austausch mit der höheren Politik: Überall begegnet man den Agenten der Mobilfunkindustrie und der Arbeit ihres Kapitals. Das Ergebnis der Entwicklung kann man im Anschluss an drei bekannte Buchtitel formulieren.

Der „gekaufte Staat“ ist auf keinem anderen Gebiet konsequenter verwirklicht. Die „verkaufte Gesundheit“ ist nur die logische Folge. Mit dem Journalisten Hans Leyendecker dürfen wir folgern: Die Zukunft unserer Wirtschaft - einschließlich der Sicherung von Profiten - braucht nichts so sehr wie eine „neue Moral“.

Unter „Machiavellismus“ versteht man in der Geschichte der Neuzeit eine Machtpolitik ohne moralische Skrupel. Sie folgt dem Prinzip „Der Zweck heiligt die Mittel“. Die Mobilfunkpolitik der Gegenwart hat einen ökonomischen Machiavellismus der Moderne zu höchster Perfektion entwickelt. Er ist mit dem Sozialdarwinismus unserer Tage logisch verbunden. Beide sind Ausdruck der Bürger- und Ethikferne der hier kritisierten Technik- und Wirtschaftspolitik.


10. Thesen zum deutschen Gesundheits- und Verbraucherschutz in Sachen ‚Elektrosmog’

1. Der „gekaufte Staat“ verkauft die Gesundheit seiner Bürger:

1.1 Die Infiltration des Mobilfunk-Kapitals in sensibelste Bereiche der Gesundheits- und Umweltpolitik hat ein angebliches „Schutz“-System geschaffen, das die Risiken der Technik verdoppelt.


1.2 Eine pseudowissenschaftliche Ideologie von angeblich schützenden Grenzwerten und fehlenden Beweisen verschleiert die faktische Schädigung von Volksgesundheit und Volkswirtschaft.

1.3
Die Einkünfte aller Profiteure dieses Systems, die sich gemeinschaftlich bis heute jeder Haftung entziehen, müssen betroffene Bürger mit Einbußen an Gesundheit, Eigentum und Lebensqualität teuer bezahlen.

1.4 Wir sind nicht gegen den Mobil- und Kommunikationsfunk. Aber wir fordern seine Umstellung auf gesundheits- und umweltverträgliche Technologien und seine Verankerung in einem Schutz-Konzept, das die Demokratie der Bürger nicht in eine Diktatur kommerzieller Interessen pervertiert.



2. Eine neue Gesundheits- und Umweltpolitik braucht eine neue geistige Grundlage:

2.1 Umwelt- und Verbraucherschutz setzen eine intakte Demokratie voraus. Die Unantastbarkeit der Menschenwürde gemäß Art. 1 GG und Art. 1 der EU-Grundrechtecharta ist nicht nur das Fundament jeder Demokratie, sondern auch der wichtigste Schutz vor kapitalistischen Entgleisungen der Marktwirtschaft.


2.2 Umweltpolitik muss integraler Bestandteil einer umfassenden Friedenspolitik werden; sie macht die Natur nicht zum Objekt von Ausbeutung und Unterwerfung. „Mitverantwortung für den Nächsten“ und „Ehrfurcht vor der Schöpfung“ sind ihre wichtigsten Grundlagen.

2.3 Technik und Politik bedürfen einer ethischen Fundierung. Kern jeder Ethik der Technik ist nach Carl Friedrich von Weizsäcker die Nächstenliebe. Nächstenliebe und Ehrfurcht vor der Schöpfung sind unverzichtbare Bedingungen auch jeder Ethik der Politik.


3. Vor allem aber braucht der Schutz des Lebens neue Menschen:

3.1 Politiker, die die Bestimmungen des Grundgesetztes nicht ihren kurzsichtigen ökonomischen Interessen opfern;


3.2 Gesundheitsbeamte, die sich über den elektromagnetischen Haushalt alles Lebens informieren, um ihn nicht mit tausendfach stärkeren Überlagerungen zu zerstören;

3.3 Wissenschaftler, die sich Ethos und gesellschaftliche Verantwortung nicht abkaufen lassen;

3.4 Medien, die an vorderster Front wieder recherchieren, statt opportunistisch mitzumachen;

3.5 Juristen, die eine staatskonforme Grenzwertpflege nicht mit unabhängiger Urteilskraft verwechseln;

3.6 Kommunen, die ihre Handlungsspielräume zum Schutz der Bevölkerung nutzen;

3.7 allem voran aber mündige Demokraten, die sich nicht einem kulturarmen Konsum zuliebe zu Objekten leichtsinniger Freilandversuche degradieren lassen und ihre Rechte als Wähler und Verbraucher nutzen!



Prof. K. Richter - Uwe Dinger - Prof. K. Hecht - Dr. med. M. Kern - Prof. Dr. G. Zimmer


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