Erklärung zum Faktenblatt des Forum Mobil
bürgerwelle-schweiz.org | 30.07.2006
ERKLÄRUNG DER BÜRGERWELLE SCHWEIZ ZUM FAKTENBLATT „MOBILFUNK-BASISSTATIONEN“ DES FORUM MOBIL [56 KB]
Das FORUM MOBIL – eine Organisation der Schweizer Mobilfunkbranche – hat im Juni 2006 an alle Gemeinden ein Faktenblatt verschickt. Davon erwartet das FORUM MOBIL eine Dämpfung des Widerstands vieler Gemeinden gegen weitere Mobilfunk-Projekte. Im Begleitbrief zum Faktenblatt bietet sich das FORUM MOBIL als Beraterin bei der täglichen Arbeit der Gemeindebehörden an.
Bereits haben einzelne Gemeindebehörden bei anstehenden Antennen-Baugesuchen dieses Faktenblatt als offizielle Antwort an Einsprecher versandt. Ob sie sich wohl bewusst sind, dass sie sich damit von der Mobilfunkbranche instrumentalisieren lassen – nichts mehr und nichts weniger?
Dieses Faktenblatt des FORUM MOBIL[1] muss als eine eigentliche Desinformationsschrift der Mobilfunkindustrie bezeichnet werden. Es suggeriert völlige Unbedenklichkeit der Mobilfunk- Basisstationen (Antennen). Dies entgegen der überwältigenden Praxis-Evidenz und entgegen den wissenschaftlichen Studien, die eindeutige Auswirkungen auf die Befindlichkeit und auf das Krankheitsgeschehen bei Antennenanwohnern aufgezeigt haben. Als neuste derartige Studie sei diejenige von Hutter et al. (2006)[2] aus Wien und Kärnten genannt. Sie fand in einem zufällig ausgewählten Bevölkerungsdurchschnitt einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Beschwerdesymptomen und der Strahlungsintensität infolge naher Basisstationen.
Das FORUM MOBIL stützt sich im Faktenblatt auf zwei Quellen:
1) Auf die Schweizer UMTS-Studie (2006)
- Grundsätzlich kann eine einzige negative Studie nicht als Beweis für Unbedenklichkeitgelten. Wenn in einem Experiment nichts gefunden wurde, heisst das nicht, dass nichts existiert.
- Über UMTS-Strahlung existiert ausserdem bereits eine positive Studie (die holländische TNO-Studie). Vorderhand gilt also zumindest ein „unentschieden“. Aber die TNO-Studie ist diejenige, welche die Praxiserfahrungen bestätigt.
- Dennoch will das FORUM MOBIL auf Grund der einzigen, negativen Schweizer UMTS-Studie „Entwarnung“ geben. Es stützt sich dabei auch auf die Stellungnahme der Bundesämter für Umwelt (BAFU), für Gesundheit (BAG) und für Kommunikation (BAKOM) zu dieser Studie vom 6.6.06, wo ebenfalls von „Entwarnung“ die Rede ist. (Selbst das BAFU und das BAG betreiben demnach Industrieförderung, statt gemäss ihrem gesetzlichen Auftrag die Bevölkerung wirksam zu schützen.)
- Die Schweizer UMTS-Studie sagt aus, dass kurzfristige UMTS-Strahlung das Wohlbefinden nicht störe. Dem widerspricht, dass a) die Gruppe der elektrosensiblen Probanden (aufgrund verschiedener Anzeichen) nicht repräsentativ war für die entsprechende Bevölkerungsgruppe, und b) einzelne Probanden während des Experimentes sehr wohl teils massive Beschwerden hatten (siehe z.B. K-Tipp vom 14.6.06), was in der Studie nicht erwähnt wird.
- Es ist unzulässig, das negative Resultat einer Studie mit bloss kurzfristiger Strahlungsexposition als Anlass für eine „Entwarnung“ zu nehmen. Beim Schutz der Bevölkerung geht es um den Schutz vor langfristigen Gesundheitsrisiken – um was denn sonst? Sieht man sich zu einer fundierten Beurteilung des Langfristrisikos nicht in der Lage, so hat man entsprechend den vorhandenen Hinweisen bestmögliche Vorsorgemassnahmen zu treffen. Sind diese Hinweise so klar und konsistent wie beim Mobilfunk, so verbietet sich ein Weiterausbau der Mobilfunknetze. Ein weiteres, jahrelanges Zuwarten mit griffigen Vorsorgemassnahmen, bis die extremen, realitätsfernen Beweisanforderungen, welche die Mobilfunkbranche stellt, vielleicht erfüllt sind, ist im Interesse der Volksgesundheit nicht zu verantworten. Auch die Ergebnisse des NFP-Forschungsprogramms des Bundes können nicht abgewartet werden.
Zusätzliche Argumente im Sinne einer kritischen Beurteilung der Schweizer UMTSStudie sind in mehreren bereits erschienenen Stellungnahmen zu finden, z.B.[3, 4].
2) Auf das WHO-Faktenblatt Nr. 304 „Elektromagnetische Felder und Gesundheitswesen – Basisstationen und kabellose Technologien“ [5]
- Dieses Faktenblatt der Weltgesundheitsorganisation WHO behauptet, es gebe keinen wissenschaftlichen Nachweis für gesundheitliche Beeinträchtigungen wegen Radio- und Fernesehstationen seit 50 Jahren (Sutra Tower San Francisco USA [6]; Kurzwellensender Schwarzenburg CH [7], Holzkirchen D und Vatikan usw.; alle werden sie ignoriert); keinen Nachweis für eine erhöhte Krebsrate (die jüngst bekannt gewordenen Krebshäufungen um Basisstationen werden als „eher zufallsbedingt“ bezeichnet; die Krebsstudien Naila [8] und Netanya [9] werden ignoriert); keinen „konsequenten Nachweis“ über verändertes Schlafverhalten oder kardiovaskuläre Störungen; keine nachgewiesenen Symptome im Zusammenhang mit „elektromagnetischer Hypersensitivität“. – Alle diese Verneinungen betreffen exakt die neuen und neusten Studien oder Meldungen, die klare Hinweise für positive, in Studien auch statistisch signifikante Zusammenhänge zwischen Strahlung und Beschwerden oder Krankheit geben!
- Das Faktenblatt anerkennt – entsprechend der von der WHO vertretenen Doktrin – ausschliesslich thermische Auswirkungen von Hochfrequenzstrahlung auf den Organismus, das heisst eine Erwärmung des Körpergewebes. Nichtthermische (biologische) Wirkungen werden als unbewiesen dargestellt.
- Das Faktenblatt sieht die gesamten Risiken der Hochfrequenzfelder nicht als reale Risiken, sondern als ein blosses Problem der öffentlichen Risikowahrnehmung. Diese sei bestimmt von Gefühlen der Unsicherheit und Angst vor unbekannten Gefahren, von ästhetischen Bedenken und vom „Gefühl, zuwenig Kontrolle oder zu wenige Informationen über Entscheidungsprozesse“ bei der Errichtung neuer Basisstationen zu haben. Dieser realitätsfremden Risikowahrnehmung könne man mittels Bildungsprogrammen und effizienten Informationsstrategie „vertrauensbildend“ begegnen.
Dieses Faktenblatt der WHO enthält kein einziges belegbares Faktum. Es korrumpiert damit den Sinn des Wortes Tatsache, Faktum. Wahrheit und Unwahrheit werden nach Belieben austauschbar und manipulierbar. – Es gibt keinen Grund, etwas anderes anzunehmen, als dass die WHO vorrangig die Interessen der Industrie vertritt. Die Gesundheit der Weltbevölkerung wird jenen Interessen offensichtlich untergeordnet.
Wir stellen fest, dass diese beiden Quellen, worauf sich das vom FORUM MOBIL im Juni 2006 an alle Gemeinden versandte Faktenblatt stützt, die Forderung nach ungehindertem Weiterausbau der Mobilfunknetze nicht rechtfertigen können. Das WHO-Faktenblatt Nr. 304 ist in keiner Weise vertrauenswürdig. Und die (nicht mängelfreie) Schweizer UMTS-Studie wird in unzulässiger Weise zu Gunsten des vom FORUM MOBIL gewollten Weiterausbaus der Mobilfunknetze benützt. Der wissenschaftlichen Korrektheit zuliebe müsste erwartet werden, dass die an der Studie beteiligten Forscher sich öffentlich gegen diesen Missbrauch
ihrer Studie wehren.
[1] www.forummobil.ch
[2] Hutter, H-P., Moshammer,H., Wallner, P., Kundi, K. (2006): Subjective symptoms, sleeping problems, and cognitive performance in subjects living near mobile phone base stations; in: Occupational and Environmental Medicine 2006;63:307-313.
[3] Gemeinsame kritische Stellungnahme von Organisationen und Fachkräften zur Schweizer UMTS-Studie vom
Juni 2006. Bürgerwelle Schweiz und 16 mitunterzeichnende Organisationen (Stand 5.7.06)
[4] Frentzel-Beyme, R.: Zürcher UMTS-Studie – wissenschaftlich kritisch beleuchtet; Bremen 20.6.06
[5] http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs304/en/index.html
[6] Cherry, N.: Criticism of the proposal to adopt the ICNIRP guidelines for cellsites in New Zealand; Lincoln University,
10/2/99. Neuauswertung der Sutra Tower Studie von Selvin et al. (1991)
[7] Altpeter, E.S. et al.: Study on health effects of the shortwave transmitter station of Schwarzenburg, Berne, Switzerland; BEW Publication Series, Study No. 55 (1995)
[8] Eger, H., Hagen, K.U., Lucas, B., Vogel, P., Voit, H. (2004): Einfluss der räumlichen Nähe von Mobilfunksendeanlagen auf die Krebsinzidenz; Umwelt Medizin Gesellschaft 17, 4/2004
[9] Wolf, R., Wolf, D., (2004): Increased Incidence of Cancer near a Cell-Phone Transmitter Station; International Journal of Cancer Prevention Vol 1, No.2, April 2004
Forum Mobil
---> Hier finden sie das Faktenblatt „Mobilfunk-Diskussion“ [143 KB] des Forum Mobil