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Wird die NZZ zum Sprachrohr der Mobilfunkindustrie

diagnose-funk, 27. Januar 2007


Wird die NZZ zum Sprachrohr der Mobilfunkindustrie?

Anfang 2006 wurde die Wissenschaftsredaktion der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) von der diagnose-funk auf Fehler in einem Artikel über Mobilfunkstrahlung hingewiesen. Einige Monate später erschien exakt der gleiche Artikel nochmals. Der NZZ-Artikel am 9. Januar 2007 war an Einseitigkeit dann kaum noch zu übertreffen. Der diagnose-funk ging daraufhin die Geduld aus.

Am 25. Januar 2006 spekulierte die Wissenschaftsredaktion der NZZ in ihrem Artikel „Mobilfunk–ein Gesundheitsrisiko?“ (http://www.nzz.ch/2006/01/25/ft/articleDHSYC.html), ob die Strahlung von Handys und Mobilfunk-Antennen unsere Gesundheit gefährden könnte. Wissenschaftler hätten vor kurzem das Forschungsprogramm REFLEX abgeschlossen, die Ergebnisse wären jedoch schwer zu interpretieren, und es wären keine Dosis-Wirkungs-Beziehungen gefunden worden (was ein schwergewichtiger Indikator für einen kausalen Zusammenhang ist).

Ganz anders klang jedoch der Tenor des REFLEX-Wissenschaftlers Prof. Hans-Albert Kolb, Universität Hannover: Er betonte auf dem Nationalen Kongress Elektrosmog-Betroffener am 22. November 2003 in Biel, dass es innerhalb der REFLEX Projekte keine widersprüchlichen Ergebnisse gegeben hätte. Er bestätigte diese Aussage in einem Telefonat mit der diagnose-funk am 29. Januar 2007. Zudem strotzt der Endbericht wie auch der im 2006 noch verfügbare Vortrag unter www.verum-foundation.de der REFLEX Studie unübersehbar vor etlichen Dosis-Reaktions-Beziehungen zwischen biologischen Reaktionen und den Expositionsparametern. Die Wissenschaftsredaktion der NZZ hätte die Daten lediglich ansehen müssen.

Während dem Forschungsprogramm wurde bald klar, dass Zellkulturen mit einer niedrigen Teilungsrate gar nicht oder nur wenig auf eine Befeldung reagieren, während Zelltypen mit einer hohen Teilungsrate zum Teil massive Schäden erlitten – was aus biologischen Gründen auch zu erwarten war. Das Ergebnis hing zudem vom Applikationsprofil (z. Bsp. Signalmodulation des Feldes) ab - ebenso ein Faktor, der in der Forschung zu Einflüssen elektromagnetischer Felder auf biologische Systeme längst nicht unbekannt war.

Zur Kontrolle wurden im REFLEX-Programm viele Experimente von einem zweiten Labor reproduziert. So wurden z. Bsp. die Experimente zu Erbgutschäden durch niederfrequente Felder des Wiener Labors (Prof. Rüdiger) durch Prof. Kolb (Uni Hannover) reproduziert, und Experimente zu hochfrequenten Feldern des Mobilfunks der Uni Helsinki (Prof. Leszczynski) durch Dr. Anna Wobus (Gatersleben, Mitglied der Deutschen Ethikkommission für Stammzellimport) einwandfrei reproduziert.

 

"Innerhalb der REFLEX-Studie gab es keine Widersprüche": Prof. Hans-Albert Kolb im Gespräch mit Evi Gaigg, welche den Kongress massgeblich mitorganisierte.

 


Durch schwammige Formulierungen suggerierte die NZZ dem Leser jedoch, dass man bis heute noch nichts konkretes über die gesundheitlichen Auswirkungen wüsste. Auch die niederländische „TNO-Studie“ hätte angeblich Effekte bei UMTS-Strahlung gefunden, nicht aber beim herkömmlichen GSM-Standard – auch hier eine Aussage, die sich mit einem kurzen Blick in die Originalstudie (Tabelle 12.1) als falsch erweist.

Lothar Geppert von diagnose-funk telefonierte daraufhin mit der Wissenschaftsredakteurin und sandte ihr eine Daten-CD mit umfangreicher Literatur zum Thema, u.a. einen Vortrag über die REFLEX-Ergebnisse mit diversen Dosis-Wirkungs-Beziehungen.

Ungeachtet dessen erschien der gleiche Artikel nochmals am 25. September 2006 – ohne irgendwelche Anpassungen am Text. Das Forum Mobil, die schweizerische Interessenvertretung der Mobilfunkindustrie, lobte den Artikel daher auch in den höchsten Tönen: Man sandte den kompletten Artikel an Schweizer Arztpraxen und empfahl ihn als „hervorragend zur Abgabe an besorgte Patienten“. Auf der Webseite der NZZ kann der Artikel auch heute noch in voller Länge gratis eingesehen werden.

Als die NZZ am 9. Januar dieses Jahres mit dem Artikel „Handy-Antennen stossen meist auf symbolischen Widerstand“. den Kampf der Bürgerschaft gegen immer weitere Funkstandards als quasi unbegründet dokumentierte, konnte die diagnose-funk den Bogen zwischen dem, was die Redaktion wissen sollte, und dem, was sie schreibt, nicht mehr spannen. Die Umweltorganisation beschloss daher die Chefredakteure und Vorstandsmitglieder der NZZ mit einem eingeschriebenen Brief darauf hinzuweisen, dass sich die NZZ mit dieser Politik in ein schmales Fahrwasser begibt, da der typische NZZ-Leser nicht unkritisch sein dürfte.

Ein Brief an das Zürcher Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL), in welchem die diagnose-funk einige Fragen zu den stark verzerrenden Aussagen des AWEL im NZZ-Interview stellte, wurde beigelegt.

Bis heute hat weder die NZZ noch das AWEL zur Sachlage Stellung genommen.

Der kritische Leser dürfte derweil bemerkt haben: Vor rund 30 Jahren stand auf den Titelseiten der grossen Tageszeitungen noch „unparteiisch, unabhängig, unpolitisch“. Wieso heute eigentlich nicht mehr?...

 

Das Einschreiben an die NZZ [99 KB]   Das Einschreiben an das AWEL [129 KB]  
    Die Antwort des AWEL [121 KB]  

Kommentar von diagnose-funk zur Antwort des AWEL

Wie bei Behörden üblich versichert uns das AWEL (gerade uns), dass mit den geltenden Grenzwerten dem Vorsorgeprinzip Rechnung getragen würde. Die Begründung des AWELs für die Aussage, dass die Belastung in den fünfziger Jahren gegenüber Heute deutlicher ausgeprägt gewesen sei, trifft für einzelne Standorte zu, nicht jedoch für die Allgemeinbvölkerung. Das sogenannte "flächendeckende Hintergrundrauschen" ist gerade in durchschnittlichen Wohngebieten deutlich höher als in den letzten Jahrzehnten. Zudem wird das Frequenzspektrum immer breiter.

Bedenbklich stimmt uns, dass das AWEL sich von der Darstellung der NZZ distanziert: "Leider hat die NZZ Zitate in einem Stil wiedergegeben, den wir nicht mittragen und der uns beim Vorlesen des Artikels am Telefon entgangen ist."

Eine Stellungnahme der NZZ lässt noch auf sich warten.

 




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