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Bürgerforum Oberammergau

Bürgerforum live aus Oberammergau

Eine Nachlese zur Sendung des
Bayerischen Fernsehens vom 14. Februar 07, 20.15 h
von Evi Gaigg

Betroffene Bürger, Behördenmitglieder, Ärzte und Vertreter, sowohl von Betroffenen-Organisationen, als auch der Industrie, fanden sich unter der Moderation von Tilmann Schöberl in Oberammergau zu einer sehr angeregten Debatte um einen im August 2006 von der T-Mobile aufgerüsteten Sender ein. In Oberammergau ist seither nichts mehr so, wie es früher war, denn die Menschen leiden.

Leben nurmehr im Schutzanzug
Gleich zu Beginn fiel eine Dame in einem Schutzanzug auf, wie ihn die Antennenmonteure bei der Arbeit an Antennen tragen. Etwas später in der Sendung sagte sie, ohne diesen Anzug könne sie sich nirgends mehr bewegen, er habe ihr ein Stück Lebensqualität zurück gegeben. Diese Aussage entbehrt nicht einer gewissen Tragik, denn sie zeigt, wie bescheiden ihre Ansprüche an das Leben inzwischen geworden sind.

Leben nur noch im Wald
Der evangelische Pfarrer, - gesund zurückgekehrt vom Urlaub - hält es im Pfarrhaus nicht mehr aus, weder im Orgelraum, noch im Gemeindesaal, noch im Keller. Was er erlebt, ist ein einziges Drama, das sich in seinem Körper abspielt, mit Zittern und Vibrieren, und höchstens 3 Stunden Schlaf. Er haust in einem Campingwagen und gibt seine Adresse in einem Anflug von Sarkasmus mit „Wald“ an, wobei noch nicht feststeht, ob Wald 1, Wald 2 oder Wald 3.

Der Oberammergauer Bürgermeister in der Klemme:
Auf der einen Seite die aufgebrachte Bevölkerung mit ihren Gesundheitsbeschwerden, auf der anderen gebundene Hände und die Frage um Grenzwerte und Antennenstandorte, wobei diese „von oben runter“ bestimmt werden.

Anlage nur „ausgetauscht“
Der Vertreter der T-Mobil, Michael Keller: Die betreffende Anlage wurde erneuert, weil der Systemhersteller das alte System nicht mehr herstellt und es deswegen keinen Support mehr gebe. Mit dem neuen System könnten nun Daten besser und schneller übertragen werden. Frequenzen und Sendeleistung seien nicht verändert worden. Er berief sich auf die von der WHO anerkannten Wissenschaft, die sagt: diese Technik macht nicht krank. (Lautes Hohngelächter im Publikum)

Man müsse den 5-10% Elektrosensiblen im Grunde dankbar sein, denn sie seien ein Frühwarnsystem für alle,
so eine Gemeindeangestellte: Die Telekom müsse ihre Verantwortung wahrnehmen und Untersuchungen durchführen. In Wirklichkeit tritt sie im Rathaus geringschätzig auf und macht die Menschen nur lächerlich. Auch das Gesundheitsamt sei gefordert, endlich eine Untersuchung der Strahlung auf biologische Systeme zu lancieren.

Was sagen die Ärzte?
Da die Beschwerden in unbelastetem Gebiet verschwinden und stets wieder erscheinen, wenn die Patienten zurückkommen, ist kein anderer Schluss möglich, als die Auswirkungen der Antennenstrahlung, so der Allgemeinmediziner. - Ein Orthopäde mit ähnlichen Erfahrungen steuert eine wichtige Information bei: Hochfrequente Strahlung mit aufgesetzter niederfrequenter Modulation hat einen physikalischen Einfluss auf das biologische System. Es treten Feldwirkungen auf, die die Funktion an der Zellmembran verändern.

Ärztinnen im Clinch mit dem Mobilforschungsprogramm
Eine Ärztin, konnte sich nicht erklären, warum Ärzte mit ihren Forderungen nicht durchdringen. Sie sieht eine finanzielle Verflechtung. Mit 2 anderen Ärztinnen fuhr sie zum deutschen Mobilforschungsprogramm nach Berlin. Dort kam es zu einem Eklat, weil sie bei ihrer Meinung blieben, dass es da einen Zusammenhang zwischen Gesundheitsbeschwerden und Mobilfunk gibt. Auf Nachfrage des Moderators sagt sie, dass das Forschungsprogramm zur Hälfte von der Mobilfunkindustrie bezahlt wird. (Applaus)

Wissenschaftsgläubigkeit der Politik
bemängelt ein Zuhörer. Früher sagte man, Röntgenstrahlen seien ungefährlich und Allergiker spinnen. Was jetzt passiert ist etwas Ähnliches, als wolle man einem Allergiker ein Allergikum unter die Nase halten und sagen: „Jetzt hol mal tief Luft.“ Das Ganze ist ein Milliardengeschäft, wo es offenbar auf ein paar Einzelne nicht ankommt.

Keine Klagen anderswo?
In ganz Bayern würden jetzt 4000 Basisstationen ausgetauscht, sagt der T-Mobil-Vertreter und anderswo gebe es keine Klagen (Tumult im Saal) und ausserdem verlasse man sich auf die WHO. (Gelächter)

Die Politik hat sich aus der Bildung verabschiedet“
„Landauf, landab dasselbe“, lässt sich der Sprecher einer Interessengemeinschaft vernehmen. Wissenschaftliche Studien, die die biologischen Effekte an Mensch, Pflanze und Tier belegen, gebe es genügend, und auf die Frage des Moderators, ob es nicht genau gleich viele gebe, die das Gegenteil sagen, die prompte Antwort: „Die werden von der Industrielobby bezahlt, darum kann man sie vergessen. Die Politik hat sich aus der Bildung verabschiedet. Sie überlässt die Forschung an den Universitäten mehr und mehr der Industrielobby.“

Hilflos wirkende Behördenvertreter
Otmar Bernhard vom Staatssekretariat des Bayerischen Umweltministeriums wirkt in dieser aufgeladenen Stimmung zeitweise recht hilflos. Man versuche, die Ursachen für das schlechte Befinden von Menschen zu finden. Aber sämtliche wissenschaftlichen Untersuchungen fänden keinen Zusammenhang. Es sei ein Bundesforschungsprogramm im Gange mit 50 Studien, deren Ergebnisse 2008 herauskämen.
Der Moderator fragt Bernhard, ob nicht genauer hingeschaut werden müsse, worauf dieser unter lautem Gelächter des Publikums beteuert, es werde genau hingeschaut und falls die wissenschaftlichen Studien einen Zusammenhang ergäben, würde die Politik sofort reagieren.

Umstellung in einer Nacht-und Nebelaktion?
Der T-Mobilvertreter antwortet, es sei keine Nacht- und Nebelaktion, man hätte die Gemeinden informiert. Auf die Frage, ob die Gemeinde auch hätte „nein“ sagen können, kam die Antwort: sie hätte nicht „nein“ sagen können, da es sich nur um einen Austausch gehandelt hätte, etwa so, als wolle man einen alten Computer gegen einen neuen tauschen. Dem widersprach der Bürgermeister von Ettal. Die Gemeinden wurden erst auf Initiative der bayerischen Gemeindetage informiert und Standortvorschläge werden nicht entgegen genommen.

„Unerträglich sind die Grenzwerte, denn die Störungen treten weit unterhalb von diesen auf“,
meldete sich Dr. Hans Christoph Scheiner zu Wort. Hunderte wissenschaftlicher Arbeiten beweisen das Gegenteil der Unbedenklichkeit. „Die WHO und die ICNIRP - und ich stehe vor jedem Gericht dazu - hintergehen die Öffentlichkeit, weil sie eine Vielzahl von wissenschaftlichen Arbeiten unterschlagen.“

Die ICNIRP - ein privater Verein
wurde ganz am Schluss der Sendung von einer Dame präzisiert. Ein privater Verein namens ICNIRP hat den Kopf einer Puppe mit Gel gefüllt und sie 6 Minuten lang einer Handyexposition ausgesetzt. Das Gel hat sich etwas erwärmt. Biologische Effekte auf Mensch, Wald und Tier wurden nicht berücksichtigt.

Das Volk probt den Aufstand
und es lässt sich nicht mehr lange täuschen, will die Torturen nicht länger erdulden. Dies ist der Eindruck, den die Sendung wohl bei den meisten Zuschauern hinterliess.

Auswirkungen auf den Fremdenverkehr
Wie sich diese Zustände auf den Oberammergauer Fremdenverkehr auswirken werden, wird sich zeigen, denn sie sind für den weltbekannten Passionsspielort sicherlich ein echtes Handycap. Auf Schweizer Verhältnisse übertragen, könnte sich die Antenne im Kirchturm von Zermatt ebenfalls als sehr kontraproduktiv für das Image eines weltbekannten Fremdenverkehrsortes erweisen.